Reisen & Begegnungen

Kategorie: Jazz & andere Musik Seite 7 von 9

The World’s Greatest Jazz Band

Yank Lawson; London, den 23. April 1977

Frech. Saufrech. Denn das klingt zunächst ja etwas aufgeblassen. The World’s Greatest Jazz Band. Die beste Jazzband der Welt. Ein of Yank Lawson and Bob Haggart hat man erklärend und halbironisch angehängt. Sei’s drum.

Vielleicht sollte man wissen, dass diese World’s Greatest Jazz Band of Yank Lawson and Bob Haggart einige der besten, feinsten und bekanntesten traditionellen Jazzer zusammenbringt. Sie alle kommen aus dem Umkreis der alten Bob Crosby Band. Bob Crosby, das war der Bruder von Bing, hat den Dixieland weiterentwickelt, und ihn stilistisch vom Combo Jazz hin zur Big Band getrieben.

Die WGJB klingt und swingt denn in der Tat so wie eine kleine Big Band. Erreicht wird dies, indem die Blechbläser doppelt besetzt werden. Dann findet sich beispielsweise neben dem dynamischen Trompeter Yank Lawson ein wunderbar lyrischer Trompeter wie Billy Butterfield. Da spielt ein Saxophonist wie Eddie Miller, Klarinettisten wie Bob Wilber und Joe Muranyi oder der einzigartige Tenorist Bud Freeman. Der großartige Ralph Sutton sitzt meist am Klavier und hält die Band zusammen.

Als Tournee-Band wird die WGJB 1968 gegründet, zehn Jahre später löst sie sich auf. Finito. Die alten Herren sind zu alt. Und die Jungen bringen es nicht so richtig. All die Solisten der World’s Greatest Jazz Band dürfen als Ausnahmemusiker des traditionellen Jazz gelten, jeder als ein Meister seines Faches.

Und der robuste Yank Lawson bildet den Mittelpunkt der Band. Yank ist bei Ben Pollack in die musikalische Lehre gegangen, das war in den frühen 30er Jahren. Der kraftvolle Trompeter hat später mit den Größten des alten Jazz gespielt, mit Benny Goodman, mit Tommy Dorsey, mit Eddie Condon.

Die meisten Solisten der WGJB musizieren heute im Jazz-Himmel da oben, aber als sie noch hernieder jazzten, da war diese Rentnercombo in der Tat die beste traditionelle Jazzband der Welt.

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Chet Baker bläst den verlorenen Ton

Chet Baker, der Trompeter mit dem einsamen Ton.

Chet. Der Jazz-Trompeter. Der Sänger. Der Mensch. Das Wrack. Wie kein anderer weißer Musiker steht er für den Cool Jazz. Er lebt ihn.

Er liebte die Frauen und er liebte das Heroin. Und vor allem liebte er die Musik. Der amerikanische Trompeter Chet Baker war so etwa wie der James Dean des Jazz. Gut aussehend, rebellisch, aber auch einsam, suchend, verzweifelt, ein Steppenwolf.

Sein Spiel zeichnet sich durch eine sanfte und weiche Fragilität aus. Jeder Ton, den er spielt, klingt als sei es sein letzter. Und jeder Ton hätte ja auch leicht sein letzter sein können. Nun ist Chet eine Legende, wobei der Begriff Legende nicht einfach nur meint, dass er viel zu früh gestorben ist.

Am 23. Dezember 1929 wurde Chesney Henry Baker jr. in Yale in Oklahoma geboren. Und in Amsterdam hat er sich am 13. Mai 1988 aus einem Hotelfenster geworfen. Aus Verzweiflung, im Drogenwahn, am Ende – wer weiß das schon.

Ich habe Chet Baker zwei, drei Mal im Konzert erlebt. Mal in kleinen Clubs wie dem Malteserkeller in Aachen vor einem Dutzend Zuhörer, mal auf großen Jazzfestivals. Das war in den späten 70er Jahren, da deutete sich schon das Ende seines Weges an. Die Zähne kaputt, das Gesicht verschrumpelt, der Geist verwirrt.

Chet spielte mit Charlie Parker, mit Gerry Mulligan, Stan Getz, Bud Shank, Ron Carter und mit Art Pepper. Dieser merkwürdige Bursche blies My funny Valentine wie kein zweiter auf diesem Globus.

Er war der Trompeter der Existentialisten. Ein kühler, unnahbarer und vielleicht auch verlorener Ton entströmt seiner Trompete. Er war der Bläser einer zerbrechlichen und waidwunden Melodik. Er blieb das Reh, das von eigenen Hyänen gejagt wurde. Er ist in Kalifornien begraben.

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gehauchtes Lied gegen braun

Der amerikanische Songwriter Pete Seeger hat Where have all the flowers gone? 1955 komponiert. Ein Anti-Kriegs-Lied. Es ist ein Refrainsong mit einem einfachen Text.

Marlene Dietrich hat das Lied auf Englisch, Französisch und Deutsch gesungen. Wobei die große Schauspielerin Dietrich – man muss es offen sagen – null Stimme gehabt hat. Bei ihrem Live-Konzert in London aus dem Jahr 1972 wird dies bei Titeln wie Honeysuckle Rose oder I get a kick out of you. Vom rein musikalischen Standpunkt hören sich diese Lieder grauselig an.

Auch die deutsche Fassung des Liedes haucht sie mit ihrem Sprechgesang dahin. Aber Sag mir wo die Blumen sind, Text Max Colpet, geht unter die Haut. Denn die Dietrich macht die fehlende Stimme durch Ausstrahlung wett. Und vor allem durch Glaubwürdigkeit.

So trat Marlene Dietrich in Israel auf und sang dieses Lied – auf Deutsch. Ein Skandal. Beinahe. Denn die Dietrich durfte dies. Dieser Song war Teil ihrer Biografie. Marlene stand für das anständige Deutschland. Sie hat gegen die braunen Diktatoren gekämpft, wo es nur ging, mit ihren Mitteln. Dieser Kampf ist in diesem Lied drin.

Max Colpets Sag mir wo die Blumen sind klingt von der Textführung noch eingängiger als das amerikanische Original. Und, noch ein Stück glaubwürdiger.

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Arnett Cobb – der Saxophonist, der nicht gehen kann

Den Haag, im Juli 1978; Photo by Volker Wagner

In der Rückschau fragt man sich, welches denn der schönste Jazz-Song war, den man je im Konzertsaal erleben durfte. Da könnte ich einige aufzählen. Der allerschönste Jazz-Moment, live und heftig, jedoch fällt mir sofort ein. Es ist Sommer, ein Juli im Jahr 1978.

Arnett Cobb, ein Tenorist mit einem dunklen, erdigen und vollen Ton, der auch The wild man from Texas genannt wird. Ein Autounfall hat ihm in den 50er Jahren beide Beine zertrümmert, so dass er sich nur noch auf Krücken fortbewegen kann.

Nun steht dieser Mann, von Krankheit gezeichnet, fröhlich auf der breiten Bühne, zwischen zwei Krückstöcken eingehängt. Er hebt das wuchtige Tenorsaxophon, und bläst so, als ob der Teufel hinter ihm her sei. Und wahrscheinlich ist der Teufel ja wirklich hinter ihm her.

Man spürt, dieser Arnett Cobb bläst um sein Leben, er bläst gegen die verdammte Krankheit, gegen die Krücken und er bläst gegen den Tod. Da kommt eine Menge zusammen.

Arnett Cobb is back nennt er trotzig seine Schallplatte aus dem Jahr 1978. Und das ist er jeden Abend, bei jedem Konzert. Er ist zurück, oder besser, er ist noch da, dieser lyrische Tenor mit seinem ruppigen Ton.

Ihm zur Seite an diesem Abend, Lionel Hampton, der Meister des Vibraphons, einer der ganz Großen der Swing Ära. Schon seit 1942 musizieren sie zusammen. Sie spielen einen langsamen Song, eine Ballade, ich glaube es war Misty von Erroll Garner.

Nur die beiden. Tenorsaxophon und Vibraphon. Alleine auf der Bühne. Misty. Unerreicht. Es ist ganz still im Saal. Der Song vollendet ein Leben. Arnett Cobb ist jetzt ganz nahe bei Gott.

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Der wunderschöne Moon River

Moon River ist die Filmmusik zu einer recht verrückten Hollywood-Komödie. Breakfast at Tiffany’s. Wir schreiben das Jahr 1961. Der große Truman Capote hat das Drehbuch geschrieben und Audrey Hepburn macht ganz große Rehaugen. Ein konfuser George Peppard dackelt der jungen, schlanken Hepburn hinterher. Regie führt Spassvogel Blake Edwards.

Das Lied vom Moon River schrieb il maestro Henri Mancini. Den Italoamerikaner kennt jedes Kind, weil einer seiner Songs ein jeder Dreikäsehoch mitsummen kann. Pink Panther. Die Titelmelodie vom rosaroten Panther.

Die Lyrics stammen von Johnny Mercer. Mancini & Mercer erhalten dafür den Oscar für die beste Filmmusik. Der Song wird eigens für den Film und für Audrey Hepburn geschrieben, die eine gute Schauspielerin ist, allerdings ein kleines Manko vorweist: sie kann nicht singen. Deshalb haben Mancini und Mercer diesen Moon River als eine ziemlich einfache Melodie angelegt mit einem ziemlich eingängigen Text.

In der Tat braucht es für diesen Song nicht viel. Eine schöne Stimme, eine Gitarre vielleicht – und eine Menge Einfühlungsvermögen. Die junge Sängerin Katie Melua macht das in unseren Tagen wunderbar vor.

Auch Frank Sinatra hat den Song gesungen, 1964, im Arrangement von Nelson Riddle im langsamen Walzertakt. Sinatra mag den Song, diese langsame Phrasierung, dieser melancholischen Text von Johnny Mercer, diese zauberhafte Instrumentalisierung mit Gitarre, die dort der einzigartige Laurindo Almeida spielt.

Johnny Mercer hat mit dem Lied seiner Heimat ein Denkmal gesetzt. Der Moon River ist eigentlich der Savannah River der Stadt Savannah in Georgia, des Geburtsortes von Mercer. Der junge Mercer spielte dort mit seinen Freunden auf der Suche nach huckleberries, nach Waldbeeren, und sein my huckleberry friend drückt die Sehnsucht nach der unbeschwerten Kindheit aus.

Two Drifters, off to see the world, zwei rastlose Vagabunden, draußen, um die Welt zu sehen. There’s such a lot of world to see. Diese Melancholie passt gut in jede Zeit, diese musikalische Suche nach sich selbst und nach seinen Wurzeln. Moon River ist sicherlich einer der schönsten Songs des American Songbook, wahrscheinlich einer der schönsten Songs überhaupt.

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George Clooneys Tante

Diese Sängerin mag ich sehr. Sie hat eine feste, swingende Stimme wie aus dickem Glas. Meist sang sie das Great American Songbook, Rodgers & Hart, Cole Porter, Irving Berlin. Romantische Balladen, da lag ihr Profil, durchaus gewürzt mit dynamischen Tempi.

Hey there war meist ihr opening theme. In den 50ern hatte Rosemary Clooney ihre große Zeit. Man fand sie an der Seite von Benny Goodman, von Dámaso Pérez Prado, sie sang mit Dean Martin und all den anderen Großen. Danach geriet sie ein wenig in Vergessenheit, auch als Schauspielerin.

In den 80er Jahren erlebte sie ein fulminantes Comeback, meist unterstützt von einer formidablen swingenden Combo aus Kalifornien, der Concord Band mit dem wunderbaren Trompeter Warren Vaché und dem lyrischen Tenoristen Scott Hamilton.

Hier singt Rosemary Clooney live mit Les Brown & his Band of Renown. Das ist ein ganz feines, sehr kompaktes und swingendes Orchester. Eine Big Band, die nie ganz in der ersten Reihe stand, aber als Begleitband von Doris Day und als Hausband der Dean Martin Show ungeheur populär war.

Diese solide Big Band war seit den 40er Jahren über all die Dekaden hinweg immer präsent und selbst heute, in für Jazz Orchester ungemein schwierigen Zeiten, ist sie immer noch da. Jetzt geleitet von Les Brown junior.

Zurück zu Rosemary Clooney. Eine Frage liegt Ihnen sicher auf der Zunge. Ja, Rosemary ist eine Clooney, verwandt mit dem berühmten Schauspieler. Rosemary Clooney ist die Tante von George Clooney. Denn George ist der Sohn von Rosemarys Bruder Nick. Und leider muss man sagen, sie war seine Tante.

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Teddy Stauffer kann das braune Pack nicht ausstehen

Teddy Stauffer auf der Terrasse seines Apartments im mexikanischen Acapulco, im November 1982;
Photo by W. Stock

Einige Zeit haben die Nazis die Swing-Musiker in Ruhe gelassen. Eine trügerische Ruhe. Denn die Braunhemden haben die synkopierte Musik als entartete Kunst gehasst und bekämpft. Doch Teddy Stauffer war Schweizer und bei ihm hätte man diplomatische Verwicklungen riskiert. Zudem wollten die Nazis vor den Olympischen Spiele 1936 der Welt ein freundliches und sauberes Idyll vorgaukeln.

Teddy Stauffer und seine Original Teddies, damals Deutschlands bekannteste Swing-Band, befinden sich im Berlin der 30er Jahre auf dem Höhepunkt ihres Ruhms. Doch nach 1936 nimmt die Pression zu. Die Nazis verachten die Musik aus Amerika, seit 1935 darf Jazz nicht mehr im deutschen Rundfunk gespielt werden und nun werden auch öffentliche Auftritte schwieriger.

Der 73-Jährige führt mich auf die Veranda seiner Turmvilla in Acapulco, so als müsste er nach frischer Luft schnappen. Im November 1982 bin ich zu Besuch bei Teddy Stauffer in Mexiko, seiner neuen Heimat, und der berühmte Orchesterchef erzählt aus seinem bewegten Leben.

Wir spielten 1938 in Leipzig, im Felsenkeller, wo auf der Bühne und vor der Tanzfläche große Plakate hingen: Swing tanzen und Swingmusik verboten – Reichsmusikkammer. Zwischen zwei Musikstücken kam plötzlich die Gestapo auf die Bühne und stoppte das Konzert. Der Gestapoleiter sagte ganz formell: ‚Man hat reklamiert, dass Sie Swingmusik spielen.‘ Da meinte ich: ‚Ja, was ist denn das, Swingmusik?‘ Er konnte es natürlich nicht erklären.

Über das Gesicht des betagten Mannes huscht ein verschmitztes und zufriedenes Lächeln, während seine Augen zu dem blauen, sanften Meer vor Acapulco schweifen. Dann verdunkelt sich seine Miene und er versucht im nächsten Satz den melodiösen Klang seines Schweizerspanischs mit dem ruppigen Tonfall des Nazideutschs zu überspielen.

‘Spielen Sie keine deutschen Schlager?‘, fragte der Gestapomann hart. Da habe ich zu meinen Musikern gesagt, Nummer 43, das war ‚Bei mir bist Du schön‘. Das hört sich schön deutsch an, ist aber ein hundertprozentig jüdisches Lied. Das haben wir dann gespielt, aber die Gestapo sagte, dies sei immer noch amerikanische Negermusik. Daraufhin spielten wir den ‚Bugle Call Rag‘, aber im Marschrhythmus. In seinem Klarinettensolo hat Ernst Höllerhagen dann über das Horst-Wessel-Lied, die inoffizielle Nazi-Hymne, improvisiert. Das war so der Anfang von meinem Ende in Deutschland.

Der Völkische Beobachter, die Tageszeitung der Nazis, und ein Musikfachblatt griffen Stauffer und die Band dann an und schrieben: Raus mit diesen Ausländern und der Judenmusik. Das Ende der Schweizer Swing-Band in Deutschland war dann abzusehen. Die Teddies spielten auf der Schweizer Landesausstellung, als der Geisteskranke aus der Berliner Reichskanzlei 1939 den Überfall auf Polen befahl.

Der Krieg, vor dem so viele gewarnt haben, ist da. Es wird ein Krieg, an dessen Ende halb Europa in Schutt und Asche liegen wird und Millionen von Müttern, Vätern und Kindern in Konzentrationslagern um ihr Leben gebracht sein werden.

Doch Deutschland befindet sich im Kriegstaumel. Es herrscht Mobilmachung, die deutschen Musiker der Teddies werden eingezogen. Das Orchester zerbricht. Nein, nein, Widerstandskämpfer sei er nicht gewesen, meint Teddy Stauffer, das sei zu viel der Ehre. Er habe einfach dieses braune Pack mit seiner bornierten und freudlosen Auffassung vom Leben nicht ausstehen können.

Und im Jahr 1941 packt Teddy Stauffer dann seinen Koffer, fährt mit einem Dampfer über den Atlantik nach New York, geht nach Hollywood und wird viele Monate später hier in Acapulco stranden. Es wird für Teddy eine Vertreibung ins Paradies.

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Frank Sinatra ist erkältet

Frank Sinatra, ein Glas Bourbon Whisky in der einen und eine Zigarette in der anderen Hand, stand in einer dunklen Ecke der Bar, an seiner Seite zwei scharfe, aber langsam verblühende Blondinen, die darauf warteten, dass er etwas sagte. Er sagte aber nichts…

Mit diesen stimmungsvollen Sätzen beginnt die Reportage Frank Sinatra Has a Cold. Dieses Werk ist ein literarisches Kleinod, eines der besten Stücke Journalismus überhaupt. Nicht nur der damaligen Zeit, nein, wahrscheinlich ist dies die gelungenste Reportage aller Zeiten.

Diese grandiose Literatur hat der New Yorker Journalist und Schriftsteller Gay Talese zu Papier gebracht: Frank Sinatra ist erkältet, so der deutsche Titel.

Im April 1966 erschien Taleses buchlange Story im Magazin Esquire. Beim 70-jährigen Bestehen der Monatszeitschrift 2003 wurde sie als die beste Esquire-Geschichte aller Zeiten ausgezeichnet. Und dies zu recht!

Dabei war die Perspektive der Reportage eher aus der Not geboren. Bekanntlich war Sinatra der schreibenden Zunft nicht gerade in inniger Liebe zu getan und auch diesem Projekt verweigerte er die Unterstützung. So lehnte der Sänger ein Interview ab und mochte auch von einer Begegnung mit dem seltsamen Schreiberling nichts wissen.

Doch statt nun aufzugeben, hängte sich Gay Talese drei Monate an den Sinatra-Tross. Er interviewte Friseusen, die Maniküre, den Busfahrer, Musiker, Sinatras Butler, ja, eigentlich jeden, der nicht schnell genug weglaufen konnte. So entstand schließlich ein beeindruckendes Portrait, das um das Objekt schleicht, wie der hungrige Wolf um das scheue Reh.

Gay Talese, Jahrgang 1932, ist der herausragende Vertreter eines Schreibstils, der New Journalism genannt wird. Talese baut in seine Reportage gerne lange Dialogszenen ein, der Journalist – und somit auch der Leser – steht quasi neben Geschehen. Oder besser: er steht mitten drin. Große Ohren, offene Augen, gute Nase – alles selbstverständlich für den Journalismus. Und die jungen und wilden Schreiber des New Journalism haben dieses Prinzip auf die Spitze getrieben.

Talese, der auch viel für die New York Times schrieb, veränderte mit seinen Reportagen die Perspektive des Schreibens: Bei einem Boxkampf portraitierte er nicht den Boxer, sondern den Mann, der den Gong schlug. Solches Vorgehen besitzt System: Unbeachtete Dinge rücken in den Vordergrund. Das literarische Muster lässt sich leicht durchschauen: Pars pro toto. Das Einzelteil steht für das Gesamtbild.

Die Sinatra-Reportage ist eigentlich kein typisches Talese-Stück. Die Glamour-Welt war nicht sein Ding. Viel lieber beobachtet er Aussenseiter, Verlierer, Verzweifelte, Allerweltstypen. Das sei allemal besser als sich Stars und Sternchen zu nähern, die eh nur eine Maske und viel Fassade vor sich her tragen.

Heute gehört Frank Sinatra Has a Cold zur Pflichtlektüre an guten Journalisten-Schulen. Diese Reportage markiert eine Sternstunde des New Journalism und des Journalismus überhaupt.

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Londons bester Swingerclub

Photo by W. Stock

Ronnie Scott’s in Soho. Photo by W. Stock

Sie sind fast alle verschwunden, entweder von der Bildfläche oder in die Bedeutungslosigkeit. Ich meine die Jazzclubs, dort wo sich in den 60er und 70er Jahren des abends die Anhänger der swingenden Musik trafen, bei einem Bier oder zweien, und den Musikern lauschten.

Wohin man auch blickt, traurig genug, die Jazzclubs spielen keine Rolle mehr. Mit einer Ausnahme, möchte man hoffnungsvoll anfügen, Ronnie Scott’s Jazzclub in London. Der zeigt sich fidel wie in alten Tagen.

Zwar ist sein Gründer, der Londoner Tenorsaxophonist Ronnie Scott, vor einigen Jahren gestorben. Doch es geschah dann etwas, was als großer Glücksfall zu bezeichnen ist. Auf den Gründer folgte mit der Theaterunternehmerin Sally Greene eine neue Generation, die den Laden übernahm, eine Person, die sowohl betriebswirtschaftliches Denken als auch musikalischen Sachverstand in sich vereinigt. Und wohl auch die Liebe zum Jazz.

Ronnie Scott’s Club liegt ein bisschen unscheinbar da in der Frith Street Nummer 47. Zwischen all den trendy Vineshops und Restaurants, den kleinen Trödelläden und den camouflierten Massagesalons. Hier zwischen Piccadilly und der Shaftesbury Avenue schlägt das Herz von London. nicht gerade im feinen und eleganten Takt, aber heftig pulsierend und dem Neuen zugeneigt.

Es fällt auf, dass im Club nicht nur kleine Hausgruppen oder der Nachwuchs spielt, sondern veritable Weltstars. Wenn ein Großer nach Europa kommt, dann ist die Chance groß, dass er hier in London in der Frith Street auftritt. Das lässt sich wegen der hohen Kosten allerdings nur amerikanisch darstellen. Die Auftritte des Stars erfolgen über zwei oder gar Auftritte pro Abend verteilt, wobei das Publikum dann immer ausgewechselt wird.

Zur Musik gibt es Essen, Getränke von der langen Bar links neben der kleinen Bühne. Eine Ronnie’s Bar, eine Lounge im Obergeschoss, rundet das Konzept ab. Dazu Merchandising. Nur in einer solchen Mischkalkulation wird man ein solch anspruchsvollen Programm finanziell stemmen können.

Und so geben sich die Stars von Jazz und Pop in Ronnie Scott’s die Klinke in die Hand: Tania Maria, José Feliciano, Nigel Kennedy, Monty Alexander, Manu Dibango – das sind Namen nur der letzten Wochen.

Was mir am neuen Ronnie Scott’s zudem auffällt, ist die Qualität des Marketing. Sonst oft nicht gerade die Stärke der Jazz-Freunde, zeigt sich die Werbung für den Club und die Konzerte auf der Höhe der Zeit. Website, Mitgliederkonzept, Thementage, Events, ein informativer Newsletter – alles vom Feinsten. Und all das, obwohl man mittlerweile über 50 Jahre auf dem Buckel trägt. Solches macht Hoffnung, nicht nur für den Jazz, sondern auch für den Live-Jazz.

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Drei Wünsche des Jazz

Dies ist ein wunderbares Buch, ein Buch voller Anmut und Sentimentalität. Es lädt ein zur nostalgischen Reminiszenz und zum tiefgehenden Staunen. Ein Kleinod für Jazz-Freunde aus dem Reclam-Verlag.

Die Mentorin des Werkes, die Baronesse Pannonica de Koenigswarter, die jüngste Tocher von Charles Rothschild, war eine Jazzverrückte, seit sie als junges Mädchen die Plattensammlung ihres Vaters entdeckte.

Später wurde sie Vertraute, Beichtmutter und letzte Hilfe vieler Jazz-Musiker im New York der 50er und 60er Jahre. Nica war die Frau, in deren Wohnung Charlie Parker Obdach fand und starb. Und in der Thelonious Monk neun Jahre lebte.

In über zwei Dutzend Jazzkompositionen flog ihr der Dank der meist schwarzen Musiker zu. Nica oder My Dream of Nica von Sonny Clark beispielsweise oder das berühmte Pannonica von Thelonious Monk.

Mit ihrer Polaroid-Kamera fotografierte die Baronesse 300 ihrer Musikerfreunde und ihnen allen hat sie die Frage gestellt, was sie sich wünschen würden, hätten sie drei Wünsche frei. Ihre Großnichte Nadine de Koenigswarter hat aus den Antworten ein leidenschaftliches und zugleich liebenswertes Buch zusammen gestellt.

Ebenso interessant wie die leicht vergilbten Polaroids erscheinen die drei Wünsche der Giganten des Jazz. Von Monk, Dizzy Gillespie, Coleman Hawkins, Art Blakey oder Clark Terry. In ihren Wünschen zeigen sich die Künstler als sorgengeplagte underdogs, die in einem zähen Kampf um künstlerische Anerkennung, materielles Auskommen und wohl auch um ein bisschen Liebe ringen. So drehen sich die meisten Wünsche um die Themen Geld, Musik und Frauen.

Mein Lieblings-Dreier? Hier ist er:
1. Glück.
2. Musikalischen Erfolg.
3. Das Dritte will mir nicht einfallen!… Ich überlegte krampfhaft, was es ist…. Jetzt weiß ich’s! Ich wünsche mir ein Baby!

Dies schrieb Freddie Hubbard.

Der lakonische Miles Davis brachte nur drei Wörter zu Papier, denn er hatte nur einen Wunsch: WEISS zu sein.

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