Reisen & Begegnungen

Kategorie: Jazz & andere Musik Seite 8 von 9

Come fly with me

Besonders bei Live-Konzerten setzte Frank Sinatra Come fly with me gerne ein, oft auch als opening theme. Jimmy Van Heusen hatte Come fly with me 1957 komponiert und die Textzeilen dichtete der Spassvogel Sammy Cahn. Das Lied war eigens für Sinatra von den beiden geschrieben worden und schnell gehörte der Song zu Frankieboys Standardrepertoire.

Ein Album von Frank Sinatra aus dem Jahr 1958 trug den gleichen Namen. Es war die erste Zusammenarbeit mit dem Arrangeur und Bandleader Billy May. Die Schallplatte dreht sich um eine Weltreise, von Paris über New York bis nach Capri. Aber der Hauptsong Come fly with me bleibt das swingende Herzstück der Platte.

Weather-wise it’s such a lovely day
You just say the words and we’ll beat the birds
Down to Acapulco Bay
It’s perfect for a flying honeymoon, they do say
Come fly with me, let’s fly, let’s fly. let’s fly away

Come fly with me gibt dieser Sinatra-Platte das Motto vor. Around the world with music. Für mich besitzt der Song seit jeher eine besondere Bedeutung. Wie der Zufall so will, ich trieb mich in jungen Jahren an der Acapulco Bay herum. Wunderbare Erinnerungen.

Später gab es dann noch eine Duett-Version – übrigens virtuell – mit dem mexikanischen Sänger Luis Miguel von Come fly with me, das war im Jahr 1994, und Franks Stimme war schon brüchig. Aber trotzdem sah dieser Milchmann Luis Miguel gegen unseren Sinatra alt aus, verdammt alt.

Auf Frank Sinatras zierlichen, in den Boden gefassten Grabstein im südkalifornischen Cathedral City steht: THE BEST IS YET TO COME. Das Beste kommt erst noch.

Zwölf Jahre ist Frank Sinatra nun schon tot. Blödsinn, er ist nicht tot, er ist vor 12 Jahren nur gestorben. Irgendwie ist Ol’ Blue Eyes noch immer unter uns. Erheben wir ihm zu Ehren ein Glas Jack Daniels und stossen mit ihm an. Frankieboy, alter Schlawiner, ein Kerl wie du ist einfach nicht klein zu kriegen.

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Miles Davis, der Gott der Trompete, spricht

Photo by Volker Wagner

Den Haag, den 15. Juli 1984

Miles, Sie sehen gesund aus..
Ja, das ist so. Mein Körper ist ausgeglichen. Wenn man sich gut fühlt, kann man auch gut spielen. Wenn dir dein Körper sagt, das stehst du durch, dann kannst du es schaffen.

Sie wenden sich bei Ihren Auftritten dem Publikum nicht mehr ab, kehren ihm nicht mehr den Rücken, so wie früher…
Ich weiß nicht, was ich auf der Bühne tue. Die Bühne ist ein weites Feld. Und von jedem Punkt klingt der Sound anders. Ich blase meine Trompete und vergesse alles um mich herum.

Warum spielen Sie?
Das ist wie eine Sucht: Ein Drang tief in mir. Das muss einfach raus.

Und was bedeutet Jazz?
Keine Ahnung.

Und was bedeutet Ihnen das Wort Jazz?
Jazz bedeutet schwarz. Schwarze Musik. Nein, Unsinn, ich mag dieses Wort, schwarz, nicht. Nigger. Nigger-Musik. Jawohl, Jazz ist Nigger-Musik.

Glauben Sie, dass der Jazz das Business des weißen Mannes ist?
Genau das!

Warum reizt es Sie, mit jungen Musikern zu spielen?
Jung, alt? Was zum Teufel hat das zu bedeuten?!

Das frage ich Sie…
Das spielt keine Rolle. Alter ist unwichtig.

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Carlos Gardel singt jeden Tag besser

Photo by W. Stock

Buenos Aires, im Januar 1988

Der Gott der Porteños ist schon lange tot. Genauer gesagt, seit 1935, als er bei einem Flugzeugabsturz in Medellín ums Leben kam. Und doch scheint dieser Tote lebendiger zu sein als so mancher in dieser Stadt.

Man kann ihn nicht übersehen in Buenos Aires. Sein Foto baumelt wie eine Duftkerze in den Taxis, er klebt als Postkarte in der Kante des Friseurspiegels oder man betritt eine U-Bahn-Station, die seinen Namen trägt.

Und das riesige weiße Mausoleum des Tangosängers auf dem Chacarita-Friedhof ist eine Pilgerstätte, die mit allerlei Devotionalien der Ehrerbietung bestückt ist und stets von Bewunderern umlagert wird. Cada dia canta mejor, wohl wahr, mit jedem Tag singt er besser, steht als Losung auf einem goldenen Schild.

Carlos Gardel gilt in Buenos Aires als Gott des Tangos, was wahrscheinlich aber untertrieben ist. Denn eher ist er Gott, Jesus und Moses in einer Person. Wen sollte man hier sonst verehren? Die Politiker? Korrupt bis auf die Knochen. Manager? Schmierig und gierig. Schauspieler? Ziemlich bedeutungslos. Nein, nein, der Tango, diese traurige und doch irgendwie trotzige Musik eignet sich wunderbar, die unaufhörlich platzenden Träume des argentinischen Bürgers zu beklagen.

Der Tango, der um die Wende zum 20. Jahrhundert in den Matrosenkaschemmen des La Boca-Hafenviertels entstanden ist, beschreibt die melancholische, teils resignative, aber auch stolze Haltung der sozial Benachteiligten. Im Tango klagt der kleine Mann über seine Not und das Schicksal, das es nicht gerade gut mit ihm gemeint hat. Der Tango jammert über das fehlende Geld und den verbleichenden Glanz der Schönheit, über den Krach mit einer Frau, die Bitternis einer nicht erhörten Liebe.

Auf die Kernbotschaft verdichtet, beschreibt der Tango das erschreckte Aufwachen aus einem schönen Traum. Wie das Erwachen aus dem Traum vom Reichtum, der Illusion von Liebe und dem Traum, der zwischen Geburt und Tod liegt. Der bekannte Gardel-Tango Adios Muchachos ist so eine typische wehmütige und bockige Abrechnung mit dem hiesigen Leben, in der Botschaft ähnlich wie Frank Sinatra My Way singt. Und bei beiden könnte es auch heißen: Lebt wohl, Ihr Scheißkerle, ich mach mich davon, und Ihr dürft mich mal alle mal kräftig!

Sicherlich ist der Tango ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann. Noch mehr ist er aber ein stummer Dialog zwischen Wunsch und Wirklichkeit, zwischen Mann und Frau, zwischen Nähe und Fremdheit. Für die Argentinier als Nation drückt der Tango den kollektiven Wunsch nach Geborgenheit und Heimat aus, eine Träumerei, die von der Wirklichkeit so schändlich hintertrieben wird. Und es ist der tote Carlitos, der von dieser Utopie singt. Mit jedem Tag besser.

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Der junge alte Tom Jones

Europa kann nicht gerade viele gute Pop- und Jazz-Sänger vorweisen. Die meisten kommen noch immer aus den Vereinigten Staaten, wo Tradition und Infrastruktur um einiges besser sind als in der alten Welt. Aber wenn man heute nach dem besten seiner Zunft fragen würde, dann würde wohl nicht ein Amerikaner, sondern der Brite Tom Jones ziemlich weit oben auf der Liste stehen.

Dieser Sänger ist ein Phänomen. Dies zeigt das Youtube-Video eindrucksvoll. Denn zwischen beiden Aufführungen von Fly me to the moon liegen, man mag es kaum glauben, schlappe 38 Jahre. 1969 in seiner Fernsehshow This is Tom Jones und 2007 im chilenischen Viña del Mar.

Aber auch der alte Tom Jones ist ein Junger. Noch immer hat der Waliser Tom Jones eine kraftvolle, klare Stimme. Was ihn auszeichnet: Er kann Bariton als auch Tenorstimme singen und seine Stimmumfang deckt sicherlich drei Oktaven ab.

Tom Jones ist einer der wenigen Crooner, die auch heute noch im gut Geschäft sind. Er überzeugt übrigens auch als jemand, der sich dem Neuen immer geöffnet hat, siehe Kiss oder Sexbomb, wo er HipHop-Elemente einbaut. Kein Zweifel, Tom Jones ist – gestern wie heute – einer der ganz Großen.

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Warum ist Cool Jazz so cool?

Miles ist cool. Chet ist cool. Und der Pianist Lennie Tristano ist der coolste überhaupt. Kein Wunder, bei dem Namen! Aber, liebe Leute, was ist das eigentlich, Cool Jazz?

Die Antwort darauf fällt nicht ganz leicht, eigentlich kann man sich der Antwort nur nähern. Versuchen wir es so: Während der Bebop extrovertiert, hektisch und zappelig war, so ist der Cool Jazz nun wieder mehr nach innen gekehrt und kontemplativ.

Diese Musik ist denn auch weniger bein-, sondern mehr kopfgesteuert. Sie ist europäischer, wenn man so will, konzertanter, reflektierter. Von den Ursprüngen des Jazz entfernt sich der Cool Jazz ein wenig, er ist nicht so schwarz und nicht so afroamerikanisch wie der pure Jazz. Blues-Elemente verlieren an Bedeutung. Ja, man kann sagen, der Cool Jazz zeigt sich eher als eine weiße Musik.

Beim Cool Jazz geht auch nicht die Post ab. Es dominieren eher die langsamen tempi. Jetzt kommen weit geschwungene und lang gezogene Melodiebögen. Dazu eher gehauchte und gedämpfte Töne, ganz ohne Vibrato. Der Ton der coolen Trompete beispielsweise wirkt wie eingefroren, er klingt kurz, durchdringend und harsch wie bei dem jungen Miles Davis. Trotz dieses rauen Charakters geht von dem coolen Ton zugleich auch etwas fragiles aus. Und wohl auch etwas liebliches.

Die Melodiebewegung scheint zu retardieren. Sie schleppt sich mühevoll durch den Song, irgendwie langsam, so als wolle sie eigentlich gar nicht zum Ende kommen. Die  ganze Tonführung wandelt auf dem Grat von Traurigkeit und Bitterkeit auf der einen und Zartheit und Zerbrechlichkeit auf der anderen Seite.

Cool Jazz ist nicht nur ein Musikstil, es ist auch eine Lebensauffassung. Sie passt beispielsweise zum Pariser Existenzialismus der 50er Jahre. Der Cool Jazz wird zur Musik der Verlorenheit, der Melancholie. Dieser merkwürdige Ton scheint traurig, und doch strahlt er eine gewisse Zartheit aus. Der Cool Jazz mag als kühle Musik daher kommen, aber nicht ohne Hoffnung.

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Mick Jagger als Schauspieler in dem Film ‚Fitzcarraldo‘

Mick Jagger
actor
Iquitos
Fitzcarraldo
Mick Jagger spielt den Wilbur in Werner Herzogs Film Fitzcarraldo.
Iquitos, im Januar 1981; Foto by W. Stock

Iquitos/Peru, im Januar 1981

Wenn einer der ganz großen Musiker unserer Tage in die kleine Stadt kommt, dann steht diese kleine Stadt tagelang Kopf. Reporter aus aller Welt treten sich auf die Füsse, die Fernsehkameras schnurren und junge Burschen wachen eifersüchtig über ihre Bräute. Wuselige Presseagenten schirmen die Berühmtheit ab und ein paar Bodyguards tun ein Übriges. Solch einen Rummel kann man bei einem Weltstar doch erwarten.

Nicht jedoch hier, im abgelegenen Dschungel Perus, über tausend Kilometer entfernt von der hektischen Metropole Lima und fünfzehn Flugstunden von Europa. In einer Stadt, die von der Außenwelt abgeschnitten ist, zu der keine Straße hineinführt und keine hinausgeht. Nur über den Oberlauf des Amazonas oder mit dem Flugzeug vermag man in diese Sonnen-Oase Perus gelangen. Merken Sie sich den Namen dieses Juwels: Iquitos!

Da kommt der Chef der berühmtesten Rock-Band der Welt in den Urwald – und nur ganz wenige nehmen Notiz davon. Man mag es kaum glauben, aber es ist so geschehen. Bis auf ein paar eurozentrische Eierköpfe weiß hier in den Tropen rund um den Amazonas so gut wie niemand, wer denn dieser junge schlaksige Mann mit dem rotblauweiß karierten Hemd und dem schon leicht zerknitterten Gesicht nun genau ist.

Ein Künstler aus London, wird geflüstert. Schauspieler vielleicht oder auch ein Sänger, all das wird in Iquitos geraunt. Seine Frau, ein blasses bildschönes Model, ist im Hotel geblieben, am Pool im Holiday Inn, in der Nähe vom Flughafen. Rolling Stones? Musik. Schön und gut. Aber kann man damit Geld verdienen? 

In Peru Mick is nothing, brummelt er halb belustigt und setzt seinen einfachen Strohhut auf. Mick Jagger genießt es, hier und heute ein Unbekannter zu sein. Bei den Dreharbeiten zu Werner Herzogs Filmepos Fitzcarraldo dreht sich alles um Claudia Cardinale, die Hauptdarstellerin aus Italien, deren apartes Antlitz man aus den Klatschseiten der Zeitungen kennt. Aber Mick, Mick is nothing in Peru.

In seiner freien Zeit filmt er mit seiner Nikon die Filmarbeiten. Mick Jagger ist für die Rolle des Wilbur besetzt, das ist der etwas durchgedrehte Kumpan von Fitzcarraldo. Und diese ganze Filmerei macht ihm sichtlich Spaß. Wenn Mick in seiner weißen Leinenkleidung neben Jason Robards, der den Fitzcarraldo gibt, agiert, dann merkt man schnell, hier ist jemand mit Elan, mit Leidenschaft und auch mit Talent bei der Sache.

Und Mick Jagger füllt seine Filmrolle in einer sympathisch skurrilen Interpretation wunderbar aus. Der in Ehren ergraute Schauspieler-Kollege Robards, ein großer amerikanischer Theatermann, lobt seinen Kompagnon denn auch in hohen Tönen. Nach einer Dialogszene, die Kameras sind abgeschaltet, klatscht Robards kräftig Beifall in Richtung Jagger, und beide brechen in fröhliches Lachen aus.

Es stehen Dreharbeiten im Urwald an. Regisseur Werner Herzog hat im Wipfel eines riesigen Amazonasbaumes, in fast 30 Metern Höhe, eine Plattform aus Spanplatten bauen lassen. Auf dieser Plattform, die bei Wind hin und her weht, soll gefilmt werden. Dort oben sollen Jason Robards, immerhin ein Mann von knapp 60, und Wilbur ihren Blick über den weiten, üppigen Amazonasteppich streifen lassen. Und zum guten Ende soll in luftiger Höhe auch eine kleine Rauferei zwischen Robards und Jagger stattfinden, wobei der Kopf des einen über die Brüstung mit Blick in die Tiefe gedrückt werden soll.

Burschikos legt Regisseur Werner Herzog seinen Arm um Mick Jaggers Schulter. Morgen früh gehen wir rauf, sagt Herzog zu Jagger. Und Mick schaut nach oben.

siehe auch:  Mick Jagger im Dschungel – und noch einer

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Miles Davis – Trompeter, Genie, Kotzbrocken

Miles Davis: Time After Time, Montreal 1985.

Der amerikanische Trompeter Miles Davis war für die moderne Musik das, was Pablo Picasso für die Malerei und Charles Chaplin für den Spielfilm waren – ein über Jahrzehnte eigensinniger Innovator und intelligenter Stilpräger.

Miles Davis gilt als Gründer des Cool Jazz, er trieb den Bebop voran und spielte dann im Fusion, jenen Mix aus Jazz und Rock, eine tragende Rolle. Und dann zum Schluss kam der Electric Jazz. Plus populäre Songs. Wenn er mit seiner gestopften Trompete Pop-Balladen wie Time after time zelebrierte, entströmte da die ganze Herrlichkeit und zugleich auch der ganze Schmerz einer suchenden Generation aus seinem goldenen Instrument. Miles ist mehr als ein Musiker, er ist unser Master, der Champion, ein Genius der sperrigen Virtuosität.

Sicher, Miles war kein einfacher Mensch, aber man zeige ein Genie, das einfach wäre. Ein ziemlicher Kotzbrocken soll er gewesen sein. Es gab auch Kritiker, nicht an der Musik, natürlich, aber am Charakter. Wieder einmal hat der liebe Gott, wie schon bei Wagner und Karajan, in einem Anfall von Zerstreutheit eine große Begabung an ein großes Arschloch vergeben, das schrieb beispielsweise der Jazzjournalist Werner Burkhardt über Miles Davis.

Dieser Jazzmusiker war ein Star, jemand der Hallen und ein Festivalgelände locker füllen konnte. Es war schon seltsam, wie Miles Davis da auf der Bühne stand, der Rumpf vornüber gekrümmt, den – naja – verlängerten Rücken dem Publikum zu gewandt. Aber Miles war kein Mann der Kompromisse. Er blieb kompromisslos der Musik verfallen.

Die Musik des Künstlers nimmt das Lebensgefühl einer ganzen Generation auf. Seine surreal hauchende Trompete dient den Pariser Existenzialisten zur Inspiration. Sein brillanter Ton trifft die kühle Leidenschaft der an Gott und an der Welt verzweifelnden jungen Intellektuellen vom Montmartre bis Berkeley .

Er selbst nennt sich Prince of the Darkness. Und er ist von einer beeindruckenden Kreativität. Bitches Brew, We Want Miles, Kind of Blue und Some day my prince will come – mindestens vier Platten plaziert Miles Davis auf der ewigen Bestenliste des Jazz. Konservativ gerechnet.

Man kann Miles Davis zehn Mal, man kann ihn hunderte Male hören, stets entdeckt man etwas Neues, etwas Überraschendes. Die Musik von Miles Davis scheint – so wie eine schöne Liebe – ewig jung zu bleiben und alterslos zu sein. Wenn ich Miles höre, so denke ich, wie kann einem einfachen Stück Blech nur ein solcher Liebreiz und eine solche Schönheit entströmen?

Miles Davis, eigentlich ein Mann für die Ewigkeit. Irgendwann hat es den schwarzen Prinzen dann doch erwischt. 1991 stirbt er in Santa Monica. Er konnte nicht mehr spielen. Lungenembolie sagen die einen, Aids, die anderen. Alles Unsinn, die Wahrheit ist diese: Erst stirbt die Trompete, dann der Mensch.

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Klaus Voormann, der fünfte Beatle

Tutzing, im Februar 2008

Klaus Voormann nippt sorgsam an seiner Tasse mit grünem Tee und blickt auf den See. Eine bemerkenswerte Anmut zeigt der Starnberger See im Februar, wenn am späten Nachmittag die kahle und karge Landschaft von der untergehenden Sonne vergoldet wird.

Er wird in zwei Monaten 70, im Kopf fühlt er sich aber immer noch wie 25. Der hagere Mann mit den wehenden weißen Haaren hat Pop-Geschichte geschrieben, denn kein Deutscher ist den Beatles so nahe gekommen wie er.

Im Sommer 1971 spielte Klaus Voormann den Bass bei einem der schönsten Pop-Songs aller Zeiten: Imagine. Da war er zusammen mit John Lennon im Studio.

Die Freundschaft von Klaus Voormann mit der größten Pop-Gruppe aller Zeiten begann in Hamburg, im Oktober 1960. Unweit der Reeperbahn hörte der gebürtige Berliner aus dem Kaiserkeller die Musik einer jungen Band, die ihn faszinierte. John, Paul, George, Stuart (Sutcliffe) und Pete (Best) hießen die Jungs aus Liverpool – als Beatles sollten sie in den nächsten Jahren die Musik revolutionieren. Klaus zeigte John Lennon einige Cover-Illustrationen, die er gezeichnet hatte. Sie gefielen John. Es war der Beginn einer lebenslangen Freundschaft mit den Fab Four.

Klaus ging später nach London, wohnte bei George und Ringo, der Pete Best in der Band ersetzte. Von 1966 bis 1969 war er dann Bassist in der Manfred Mann Band, ab 1969 holte ihn John Lennon als Gründungsmitglied seiner Plastic Ono Band. Später spielte Klaus Voormann noch bei George Harrison und auch beim legendären Concert for Bangladesh im Madison Square Garden am 1. August 1971 war er dabei.

Was macht die Beatles aus? Klaus Voormann zögert keinen Augenblick. Der gegensätzliche Charakter der Bandmitglieder. Da war der extrovertierte Paul, der intellektuelle John, George, der die Sprache der einfachen Leute sprach. Und noch eines: Die Beatles waren offen und innovativ. Sie nahmen neue Einflüsse auf: indische Musik, neue Instrumente, andere Klangformen. Während die meisten Bands jene Musik spielten, die von ihren Hörern erwartet wurde, zogen die Beatles ihr Ding durch.

Worauf er besonders stolz ist? Das hochgelobte Cover zur Beatles-Platte Revolver. Da ist er, Klaus Voormann, der Künstler und Grafiker. Er malt und zeichnet immer noch viel, mit seinem für ihn typischen Strich. Er hat gerade von den Liverpooler Stadtoberen den Auftrag über ein neues Werk für das dortige Museum erhalten. Auf seiner Homepage www.voormann.com kann man die Vielfalt seiner Arbeit bestaunen.

Was ist der schönste Beatles-Song aller Zeiten, frage ich ihn zum Abschied. Er zögert. Da kann man keinen hervorheben, meint Klaus, wo solle er da denn anfangen? Es sind einfach zu viele Meisterstücke. Strawberry Fields Forever, vielleicht, oder Fool on the Hill, nein, nein, es kann da keinen Favoriten geben. Einfach alles zu schön. Wunderschön.

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Gott ist gegangen, sagt Jack Kerouac

Er ist das jüngste von neun Kindern, Sohn einer Arbeiterfamilie, er war ganz unten, er ist von Geburt an blind, ein armer Junge aus Battersea. Er hat für fünf Dollar die Woche in Londoner Pubs angefangen. Als Pianist. 1947 ist er dann in die USA gegangen. Und er wurde ein Weltstar.

Heute heißt George Shearing ganz fein und edel  Sir George, weil er von der britischen Königin Elizabeth II vor einigen Jahren zum Ritter geschlagen wurde. Und, was sehr erfreulich ist, Sir George, Jahrgang 1919, weilt mit über 90 noch unter uns.

Weltstar, Schotter, Ritter – alles schön bis oberschön. Die größte Auszeichnung jedoch verlieh ihm ein anderer Großer. Jack Kerouac, der Schriftsteller der Beatniks. In On the Road aus dem Jahr 1951, das erst 1957 als Buch erschien, widmet er dem Pianisten George Shearing eine atmosphärisch besonders dichte Episode. In dem typischen atem- und rastlosen Stil Kerouacs, der irgendwie an Jazz erinnert, an geschriebenen Bebop.

An diesem langen, beschissenen Wochenende machten Dean und ich uns auf ins Birdland, um Shearing zu sehen. Der Club war menschenleer, wir waren die ersten Gäste, zehn Uhr nachts. Dann kam Shearing raus, blind, die Hand tastete sich zum Klavier. Er war einer dieser blassierten Engländer, mit steifem weißen Kragen, leicht fleischig, blond, mit einem zarten Englisch-Sommernachts-Lüftlein um ihn herum, das verflog als er die erste süße Kräuselnummer spielte, während der Bassist sich zu ihm ehrfurchtsvoll rüberlehnte und den Beat zupfte.

Ja, das ist George Shearing. Er spielt eine Kräuselnummer, es beginnt ganz harmlos, aber dann wird es zu richtig gutem flotten Jazz. George spielt das Klavier betont klassisch, so als trüge der Arrangeur der wilden Musik den Namen Johann Sebastian Bach. Aber, man täusche sich nicht, spätestens wenn Shearing in up-tempi geht, dann phrasiert er schwarz und lässt die Klassik hinter sich. Jack Kerouac hat das erkannt. In einer freien und flotten Übersetzung von mir schreibt er weiter:

Der Schlagzeuger, Denzil Best, saß regungslos da, nur seine Handgelenke wippen die Bürsten. Und Shearing begann zu zucken. Ein Lächeln ging über sein strenges Gesicht; er begann auf dem Klavierhocker zu schaukeln, vor und zurück, langsam zuerst, dann als der Rhythmus schneller wurde, schaukelte auch er immer schneller, sein linker Fuß sprang bei jedem Takt auf, und sein Hals krümmte sich wippend hin und her, er senkte sein Gesicht runter zu den Tasten, er schob seine Haare zurück, seine feinen Strähnen waren aufgelöst, und er begann zu schwitzen.

Jack Kerouac und sein Kumpel Dean bleiben den Abend im Birdland. Nun ist das Konzert vorüber, der Jazzclub wirkt verlassen, die beiden Freunde blödeln rum. Plötzlich zeigt Dean auf die Bühne, auf den einsamen Piano-Schemel. Gottes Stuhl ist leer, sagt Dean ernst. Und Jack Kerouac widmet sich wieder dem Pianisten: Gott ist gegangen; es war die Stille seines Abschieds. Draußen regnete es.

Jack Kerouac und George Shearing, On the Road. Zwei Giganten. Wir schreiben das Jahr 1949. Draußen regnet es.

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Jawoohl, Jahaaz Yatra

Jazz Yatra

Jazz Yatra, Mumbai/India, im Februar 1982; Photo by W. Stock

In Bombay, das heute Mumbai heißt, hole ich bei Niranjan Jhaveri die Pressekarten für das Jazz Yatra Festival ab. Niranjan bittet mich zu Tisch und so esse ich bei den Jhaveris zu Mittag. Yatra ist Sanskrit und beschreibt im Hinduismus die Wallfahrt an geheiligte Orte. Eine hübsche Metapher für den Jazz.

Die Familie wohnt in einem Condominium am Kher Marg etwas außerhalb der Stadt. Niranjan, Generalsekretär von Jazz India und Manager des Yatra Festivals, hat sich wie kein zweiter um den Jazz in Indien verdient gemacht. Gleichzeitig ist er auch ein hervorragender Journalist und Dozent in Sachen moderne westliche Musik.

Zwischen dem Jazz und Indien gibt es einige interessante Berührungspunkte. So wilderten beispielsweise Ravi Shankar und der Altsaxophonist Bud Shank und Don Ellis im jeweils anderen Revier. Dabei galt die einfache Devise: Der Rhythmus eint, die Melodie trennt.

Eine indisch-jazzige Fusion mit Erfolg gründeten John McLaughlin und der indische Violinist Laxminarayan Shankar. Der Name dieser Gruppe: Shakti. Auch sie tritt beim diesjährigen Jazz Yatra auf.

Am Abend dann auf dem Festivalgelände. Der legendäre Radiomann Willis Conover aus den USA hat als Master of Ceremony abgesagt und nun übernimmt der lustige Terry Isono den Part als M.C.. Wenn der Japaner John Coltranes A Love Supreme ansagt, dann sagt er A Love Supleme. Das Programm ist nett bis obernett und immer wenn es rockig wird, springt das Publikum von den Stühlen auf.

Der Pianist Billy Taylor, der Flötist Herbie Mann aus den USA. Dann der deutsche Saxophonist Ernst-Ludwig Petrowsky, das ist raubeiniger Free Jazz aus der DDR. Dazu Jazz plus Indien mit Shakti. Ein solches Festival in der Dritten Welt muss mit beschränkten Finanzmitteln arbeiten. Damit hängt eine solche Veranstaltung am Tropf des Auswärtigen Amtes, des Goethe-Instituts oder der amerikanischen Kulturförderung. Aber dies muss das schlechteste ja auch nicht sein.

Niranjan kümmert sich rührend um die Journalisten. Manche schreiben fleißig, andere rauchen ihr Pfeifchen. Das Festival findet im Mumbais Zentrum statt, direkt neben einer belebten Tangente. Was allerdings den Vorteil besitzt, dass man schnell über die Strassenbrücke in ein populäres Restaurant huschen kann, um ein Lamb Masala zu verdrücken.

An den vier Tagen des Festivals schwebt die Frage in der Luft, ob der Jazz in einem bitterarmen Land wie Indien denn seinen Sinn macht. Welch arroganter Gedanke! Mehr als 20.000 begeisterte Zuhörer geben auf diese abwegige Frage die gebührende Antwort. Übrigens, 20.000 im Beat kräftig mitgehende Besucher.

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