mit Enrique Plá, im Juli 1983; Photo by Volker Wagner
Der Revolution des Fidel Castro von 1959 folgte auch eine Revolution in der Musikszene Kubas. Alles wird anders.
Zunächst der Exodus: Zahlreiche bekannte Musikidole kehrten ihrer angestammte Heimat den Rücken. Dámaso Pérez Prado – sein Mambo-Orchester fällt mit einem explodierenden Bläsersatz auf – zieht es vor, in Mexiko City zu leben. Ebenfalls nach Mexiko, später in die USA, geht Celia Cruz, die Königin der Rumba. Die fesche Olga Guillot sieht, so singt sie, den so geliebten Son aus Kuba fliehen. Und sie flieht gleicht mit.
Doch Kubas Musikszene zeigt sich vital, rasch kommt eine neue Generation Musiker auf. Chucho Valdes ruft 1972 ein Ensemble ins Leben, das über Jahrzehnte zu den besten weit und breit gehören sollte. Die Gruppe legt sich den
Neben seiner unvergleichlichen Stimmfarbe und seines traumwandlerischen Rhythmusgefühls gibt es ein weiteres Geheimnis um den Erfolg von Frank Sinatra. Der Crooner hat zeitlebens immer genug finanzielle Mittel, Spitzenleute um sich zu scharen.
Das gilt zunächst für Musiker, denn stets haben ihn erstklassige Solisten und Orchester begleitet. Da muss man nur den Namen Count Basie erwähnen. Gleiches jedoch trifft auch auf die Arrangeure zu. Sinatra hat sich stets mit den besten seines Faches umgeben und all die Spitzenarrangeure haben für ihn Spitzenarrangements geschrieben.
Gemeinhin wird die Bedeutung der Arrangeure unterschätzt. Mehr noch als der Komponist verantwortet der Arrangeur den musikalischen Erfolg. Oder anders, ein schlechtes Arrangement kann eine gute Komposition gnadenlos kaputt machen.
Das wusste Frankieboy. Und deshalb legt er auf gute Arrangeure ein besonderes Augenmerk. Nelson Riddle ist der wichtigste Arrangeur Frank Sinatras in den 50er Jahren. Bei Capitol Records beginnt 1953 ihre Zusammenarbeit. Riddle arbeitet über all die Jahre besonders die swingenden Elemente in Sinatras Musik heraus. Songs For Swinging Lovers (1956), A Swinging Affair (1956) und Sinatra Sings For Only The Lonely (1958) sind die herausragenden Platten dieser Partnerschaft.
Der Arrangeur Don Costa betont hingegen mehr die pop-geneigte Seite Sinatras. Seine Meisterstücke sind My Way (1969), Ol’Blue Eyes Is Back (1973) and Trilogy (1980). Es ist dieser Don Costa, der die Arrangements für Sinatras Welthits My Way und New York, New York schreiben sollte.
Aber auch die Arrangeure Billy May, Johnny Mandel, Axel Stordahl in den frühen Jahren, Neil Hefti und Gordon Jenkins bauen wichtige Meilensteine in der Karriere Sinatras. Alles schön, alles oberschön. Doch da gibt es noch einen anderen.
Denn der beste aller besten an Sinatras Seite wirkt zunächst als musikalischer Leiter seiner Band, später dann auch als sein erster Arrangeur. Sein Name:
Salsa, Latin, Buena Vista. Das ist Musik, die unter die Haut und dann direkt in die Beine geht. Noch heute hallen die Ohrwürmer der Latin-Klassiker nach, das Oye, como va des Timbalisten Tito Puente, Watermelon man gespielt von dem Perkussionisten Mongo Santamaria oder die Ballade von Pedro Navaja, die Ruben Blades zum besten gibt.
Mit ihrer scharfen Sauce aus viel Rhythmus, südamerikanischer Melodik, ausschweifenden Improvisationen und swingendem Unterbau gelingt es den Salsa-Königen aus Kuba, Puerto Rico und der Bronx musikalisch die halbe Welt zu betören. La Sonora Matancera, Monguito, Celia Cruz, Willie Colón oder Ray Barretto, die alten Knaben vom Buena Vista Social Club – das ist Musik, vital und explosiv, wie sie manch junger Rapper nicht mitreißender hinkriegt.
Doch den Vater, den Urahn, dieser Musik kennen heute die wenigsten. Angefangen hat das ganze in den
Teddy Stauffer im mexikanischen Acapulco, November 1982; Photo by W. Stock
Verächtlich wurden sie in den Nazi-Jahren Swingheinis genannt, um zu zeigen, dass sich hier nicht das Gute, Schöne und Wahre der deutschen Kultur manifestiere. Und der beste Swingheini in Deutschland ist der Schweizer Teddy Stauffer gewesen. Über 300 Schallplatten haben Teddy Stauffer und seine Original Teddies in den 1930er Jahren aufgenommen. Das ist Rekord.
In den Hitlisten stehen sie in dieser freudlosen Zeit immer ganz oben. In Berlin und Leipzig sind Teddy und seine Mannen in jenen Jahren so bekannt wie heute Lady Gaga und Madonna zusammen. Die Stauffer Band ist smooth gewesen, swinging und vor allem hot. The hottest Band in Town. Und hot bedeutet in jener Zeit sehr amerikanisch. Als ich Teddy Stauffer im November 1982 zuhause in Acapulco besuche, unterhalten wir uns auch über die Swing-Musik in der Weimarer Republik.
Als Quartett – Willi Mussi, Walo Linder, Pole Guggisberg und Ernest Stauffer – verlassen die Jungjazzer 1929 ihre heimatliche Berner Provinz in Richtung Berlin. Vier übergeschnappte Jungs auf der Suche nach dem Abenteuer. „Wir waren damals drei Schlagzeuger und ein Pianist, als wir in Berlin ankamen“, sagt Teddy Stauffer und lacht über sein braungegerbtes, faltiges Gesicht. Nach und nach bauen sie die Band bis zum Orchester aus.
Als Bandleader zelebriert Teddy Stauffer den großen Auftritt, er gefällt sich in der Rolle
Sinatra. Eine andere Version von Send in the Clowns. Hier sieht und hört man dann nochmals, worin die Strahlkraft eines Frank Sinatra liegt. Frankieboy zeigt hier wieder dies voluminöse, starke Timbre. Diese dichte und volle Klangfarbe.
Trotzdem beschleicht einen wenig das Gefühl, Frank Sinatra sei nicht so ganz bei der Sache. Send in the Clowns ist sicherlich keine Komposition, die Sinatra, wie man so sagt, auf den Leib geschneidert ist.
Stock mag Shiny Stockings. Sehr sogar. Ein Lieblingstitel über viele Jahrzehnte. Natürlich in der Version von Count Basie.
Frank Foster hat das Lied komponiert. Der saß eine Zeitlang beim Count im Orchester, in der Saxophone-Line genau in der Mitte.
Mittendrin in Shiny Stockings gibt es ein Trompeten-Solo. Das ist schwierig. Weil es technisch rasant zugeht und dazu spitz und hoch geblasen werden muss. Wenn dies Cat Anderson tun durfte, der Mann konnte mit seiner Trompete fünf Oktaven ausfüllen, dann
Pfingstsonntag, am Abend, im merklich in die Jahre gekommenen Münchner Olympiastadion. Die Alt-Rocker aus New Jersey haben sich angesagt. Doch von den Zipperlein des Alters keine Spur.
Mehr als drei Stunden spielen die Musiker in einem Rutsch durch. Die alten Ohrwürmer, neue Lieder, rockige Stücke, langsame Balladen.
Raise Your Hands, damit fängt es direkt fetzig an, und die 67.000 Zuhörer werfen die Hände in Luft. Vom ersten Titel an hat die Gruppe das Publikum im Griff und der Spannungsbogen wird bis zum Schluß gehalten. Bei It’s my Life steht das Stadion Kopf und alle singen mit.
Send in the Clowns ist eine hübsche Komposition aus dem Jahr 1973. Als Komponist zeichnet der Amerikaner Stephen Sondheim, der den Song für das Musical A little Night Music schrieb.
Der Song wurde schnell zu einem Standard im vokalen Jazz, weil er trotz einer einfachen Dramaturgie eine melodiöse Komplexität besitzt. Die facettenreiche Ballade ist nicht gerade einfach zu singen. Und deshalb schauen wir uns über die nächsten Wochen einmal einige Versionen an, um zu hören, wie unterschiedlich die Künstler mit diesem Lied zurecht kommen.
Den Anfang macht der Komponist himself mit einer liebenswürdigen Unterrichtsstunde an der Guildhall School of Music in London. Der gestrenge Komponist macht ein wenig oberlehrerhaft und doch höflich auf die lyrischen Feinheiten des Songs aufmerksam. Und überaus
mit Paquito d’Rivera, im Juli 1983; Photo by Volker Wagner
Während einer Tournee durch Spanien setzt sich der kubanische Saxophonist Paquito d´Rivera im Jahr 1980 von seiner Band Irakere ab und flüchtet in die Vereinigten Staaten, wo er um politisches Asyl nachsucht. Seine Ehefrau und einen Sohn hat er auf Kuba zurücklassen müssen. In den USA fasst er schnell Fuß und arbeitet mit Dizzy Gillespie, McCoy Tyner und Randy Brecker zusammen.
Rasch steigt Paquito zum Saxstar des Plattenlabels CBS auf. Auf seiner zweiten Einspielung wischt er den Revoluzzern seiner Heimat kräftig eins aus. Provokativ nennt er die heiße Scheibe Mariel, das ist jener Fluchthafen an Kubas Westküste, über den Tausende Castro-Gegner in kleinen Booten die neunzig Meilen nach Key West zu türmen versuchen.
Die ersten Jahren in den Vereinigten Staaten dienen solcher musikalischer Vergangenheitsbewältigung. Auf den Platten Blowin und Mariel frönt er seiner Leidenschaft zu großen Gesten. Die dort eingespielten Kompositionen Song to my son oder New York is you offenbaren Paquitos Trauma, seine Geschichte der Welt erklären zu müssen.
Die Show kam in den Anfangsjahren aus New York, später aus Burbank in Kalifornien. Oft bin ich mit ihr ins Bett gegangen. Im Amerika der 80er Jahre setzte Johnny Carson den Schlusspunkt des Tages.
The Tonight Show with Johnny Carson auf NBC. Das war das Vorbild und Muster aller Late-Night-Shows. Unerreicht. Keiner verstand diese schwierige Form der Unterhaltung wie er. Liebenswürdig, umgänglich, beschwingt und auch ein wenig lausbübisch.
Alles sah so leicht und locker aus, war jedoch Kärrnerarbeit. Wenn man eine solche Show macht, vor Millionen Zuschauern, über Jahrzehnte, dann muss man schon der beste sein: Schlagfertig, jede Pointe muss sitzen, man muss informiert sein – und das alles live und ohne doppelten Boden.
Carsons Show lief immer gleich ab. Johnny tritt aus dem langen Vorgang hervor, ausgerufen von seinem Sancho Pansa, dem bulligen Ed McMahon. Der rief zuvor Heeeeeeere’s Johnny. Danach ein stand-up Monolog von einigen Minuten, manche Pointe ließ Carson mit der Handbewegung eines Golfschlags auslaufen.
Die musikalische Dramaturgie oblag der Band von Doc Severinsen. Diese ganz famose Big Band mit superben Solisten spielte Johnny’s Theme, ein melodiöses up-tempo-Stück. Es war das Neu-Arrangement einer Komposition von Paul Anka, die im Ursprung Toot Sweet hieß.
Seine erste Sendung hatte Johnny Carson am 1. Oktober 1962, seine letzte Tonight Show am 21. Mai 1992. Dazwischen lagen fast 5.000 Tonight Shows mit 23.000 Gästen in 30 Jahren. Das reicht zur Legende, zur nationalen Institution.
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