Als Musiker kennt ihn jeder. Ein Zeus der Trompete. Der Jahrhundert-Jazzer. Mr. Cool himself.
Doch es gibt noch eine andere Facette im bunten Leben des Miles Davis. In den Krisen der späten Jahre sucht der Trompeter Zuflucht und Trost in der Malerei. Musikalisch war Miles im Herbst seiner Schaffenskraft angelangt.
Er macht ihm Mühe, die Trompete zu spielen. Die Hüfte, die Galle, der Magen, ein Schlaganfall. Und überhaupt. Aber da muss was raus aus ihm.
Seine brach liegende Kreativität überträgt Miles nun auf die Malerei. Vielleicht will er mit dem Malen auch den Drogen entgehen, die ihn zu oft im Griff halten. Die Malerei jedenfalls soll ihn ablenken von Last und Laster.
Als Musiker ist er bestens gebildet, gilt als ein Perfektionist, doch als Maler, da bleibt er Autodidakt. Zunächst malt er skizzenhafte kleine Strichzeichnungen, Musiker, einen Don Quixote, einen Ritter, Josephine Baker. The Kiss, zwei Menschen, die sich küssen und im Herzen vereint sind. Oft malt er sich selbst, leicht verfremdet, aber für Liebhaber seiner Musik immer gut zu erkennen.
Erst später experimentiert er mit kräftigen Farben. Jetzt entspricht die Farbe seiner Bilder dem Ton seiner Trompete: surreale, fragile Striche, unerwartete, schrille Farben, expressionistische Köpfe und Torsi. Nun outet er sich endlich auch als Maler. Seine Bilder signiert er stets mit Miles! – mit Ausrufung.
Der Pianist, der einen in die Nacht wiegt, ist heute Abend eine Pianistin, eine Frau von vielleicht 40 Jahren mit langem, blondierten Haar. Sie spielt easy listening, also das übliche weichgespülte Kaffeehausgesülze von Beatles bis Bernstein, damit der Drink besser rutscht.
Ihr Flügel ist ein Bösendorfer und auch das passt zu diesem Ort. Nicht protzend, aber doch edel und wohl das beste, was man für Geld kaufen kann. Ob sie Hey there, you with the smile in your eyes für mich spielen könne, frage ich. Das haben nur ganz wenige Barpianisten drauf. Rosemary Clooney hat es immer wunderbar gesungen.
Der Song hört sich ungemein frisch und vital an, aber er ist alt. Ziemlich alt. Bereits in den 30er Jahren wurde er von Jack Payne und seinem Orchester eingespielt. 1958 nahm ihn Nina Simone auf. Und dann fiel das Lied in seinen langen Dornröschenschlaf.
Bis 1987, als My Baby just cares for me als Untermalung eines Werbespots mit Carole Bouquet für Chanel No 5 lief. Der Song wurde weltweit ein Riesenhit.
Das Lied ist schwer zu singen. Denn es braucht eine kraftvolle Stimme und ein gutes Rhythmusgefühl. Fast meint man, die Melodie entlaufe dem Rhythmus, der Takt würde der wuchtigen Melodiestimme hinter schnauben, so dynamisch ist die Komposition.
Jeder, der Nina Simone auf der Bühne gesehen hat, ich habe sie zuletzt im Hammersmith Odeon in London erleben dürfen, der war von dem stimmlichen Kraftpaket überwältigt. Und es ist so, dass nur Nina Simone dieses Lied domptieren konnte. Andere Sänger wären wohl elendig daran gescheitert.
Es war die wichtigste Stunde des Tages. Die sonore Stimme ertönte jeden Abend aus dem Radio. Und die Zuhörer lauschten, wie sie sonst keiner Radiostimme lauschten. Thisis London, so begann der amerikanische CBS-Reporter Edward Murrow seinen täglichen Kriegsbericht für das Publikum an den Radios in den USA. Das war im Winter 1940 und auf die englische Hauptstadt fielen die Bomben der Nazis.
This is London war Murrows opener. Keiner bekam den Anfang so hin wie er. Nach dem ersten Wort this setzte er eine winzige Kunstpause. Und prompt war das Markenzeichen dieser volltönenden Radiostimme geboren. Und zugleich die berühmte Redewendung dieses berühmten Journalisten.
Ed Murrows Reportagen aus dem Zweiten Weltkrieg in Europa endeten immer mit einem Satz, der dann noch populärer wurde: Good night, and good luck. Gute Nacht und viel Glück. Dieser Satz klang dramatisch, jedenfalls an einem Abend, an dem man nicht wusste, ob die Nacht nun wirklich gut und das Glück auch am nächsten Tag noch anhalten würde.
Die beiden Sätze waren Murrows Markenzeichen. George Clooney sollte 2005 als Regisseur und Autor einen Kinofilm über Murrow drehen. Als Titel des Schwarzweiß-Streifens wählte er Good night, and good luck. Mit wunderbarer Filmmusik aus dem Goldkästchen des Jazz.
Wie soll man solch eine einfache Phrase wie Good night, and good luck bloß übersetzen? Gute Nacht und viel Glück, sicherlich. Aber
Vor einiger Zeit gibt der Rolling Stone eine Sondernummer heraus. 100 Greatest Singers of All Time steht auf dem Cover des Musikmagazins. Die Ausgabe der führenden amerikanischen Musikzeitschrift kürt die besten Sänger aller Zeiten – Männlein und Weiblein in einer Liste.
Und hier spricht nicht irgendwer, nein, hier meldet sich die wohl bestgemachte Musikzeitschrift der Welt zu Wort. Und das Wort des Rolling Stone hat Gewicht.
Eine wahrlich imposante Auflistung von Platz 1 bis Platz 100, die da im Rolling Stone zu finden ist, zusammen gestellt von einer überaus gewichtigen Jury aus illustren Journalisten und bekannten Musikern.
Nachstehend die ersten zehn Positionen. Also die 10 größten Sänger der Welt, die 10 größten aller Zeiten, gemäß der Jury des Rolling Stone.
Es gibt diesen typischen Shearing Sound. Man hört einen Song dieses Pianisten und weiß nach wenigen Takten bereits, wer hier spielt.
Harter Anschlag, feste Blockakkorde, betonter Rhythmus – und trotzdem eine gefällige Melodieführung. Das zeichnet das Klavierspiel von George Shearing aus. Darüber hinaus ist er einer der wenigen weißen Musiker, die sehr früh lateinamerikanische Rhythmen für eine Combo umgesetzt haben.
Meine Lieblingsplatte aus den frühen Jahren? Latin Escape. George Shearing und sein Quintett, auf Capitol Records. Wir schreiben das Jahr 1956. Piano, Gitarre, Vibraphon, Bass und Schlagzeug. So einfach geht Jazz.
Ein guter Rhythmus, ein hübscher Sound. Das kann man gut heraus hören bei Shearings Version von Yours.
Der Vibraphonist ist übrigens Cal Tjader. Ein vitales und kompaktes Spiel der fünf Musiker. Das ist, das war, der Shearing Sound.
Gestern ist der Gott des Jazz-Pianos gegangen. In New York, mit 91 Jahren. Sir George Shearings Herz hat aufgehört zu schlagen.
Da hat so manch einer große Augen gemacht. Der Hit-Gigant Paul McCartney spielt in einem kleinen Musikclub. So geschehen. Am 17. Dezember 2010, vor 300 Fans.
In solch kleinen Clubs tritt der Ex-Beatle selten auf. Für den 100 Club machte er die Ausnahme. Aus purer Dankbarkeit. Und aus Hilfsbereitschaft.
Denn der 100 Club steht auf der Kippe. Der heimelige Kellerclub an Londons exklusiver Oxford Street rechnet sich einfach nicht. Vor allem die zu hohe Miete macht dem Eigentümer zu schaffen, vielleicht aber auch die über die Jahre etwas zerfranste Programmpolitik.
Irgendwie wirkt dieser karge Kellerklub auch unter all den feinen Kaufhallen, den Schnickschnack-Boutiquen und den Touristenfallen ein wenig fehl am Platze. Wie ein Relikt, einst ansehnlich, das heute verloren in der Trödelbude von besseren Tagen kündet.
Seinen Namen hat der 100 Club, weil der Musikklub in der geschäftigen Oxford Street Hausnummer 100 residiert. Von einer unscheinbaren Nische am Eingang geht man den schmalen Gang hinunter in den dunklen Keller. Auf halbem Weg entrichtet man am Counter seinen Eintritt und findet sich als bald in einem weiten schummrigen Kellergeschoss wieder.
Ich war in den 70er Jahren oft im 100 Club gewesen. Auf einfachen Holzstühlen saß man direkt vor der kleinen Bühne, rechte Hand fand sich eine lang gezogene Schanktheke und links war der quirlige Chinese Mister Chan in einer Ein-Raum-Küche, der schnelle, preiswerte Gerichte zaubern konnte. Das Publikum saß an kleinen Holztischen, das Glas Pint Lager oder Guinness war an der Theke zu holen, eine Bedienung gab es nicht.
Der Club sah in den letzten 40 Jahren gleich aus, nur die Musiker wechselten. Zuerst kamen die Jazzer, in den 80ern dann die Punker. Roger Horton als Manager lenkte die Geschicke des Klubs durch die bewegten Zeitläufte. Man konnte für einen bescheidenen Obolus Mitglied werden und bekam dafür das Programm nach Hause geschickt.
Seit 1942 gab es den 100 Club und sein Ruf schallte weit über England hinaus. Der 100 Club war in den 60er und 70er Jahren so etwas wie die Wohnstube des traditionellen britischen Jazz. Gruppen wie jene von Ken Colyer, Humphrey Lyttleton, Acker Bilk, Kenny Ball, Chris Barber oder Monty Sunshine traten hier auf. Die Akustik im Keller war deftig, es durfte so richtig Krach gemacht werden. Und an so manchen Abenden ging hier richtig die Post ab. Meist war der Club war bis kurz nach Mitternacht rappelvoll, ausser Montags, da war Ruhetag, wenn ich mich recht entsinne.
Prächtige Musiker jazzten über die Jahre im 100 Club. Der kleine Billy Butterfield schaute mit seiner großen Trompete vorbei, der schüchterne Teddy Wilson streichelte die Klaviertasten und auch Teufelsgeiger Stephane Grappelli legte hier Station ein. Immer wenn es irgendwie ging, war ich im 100 Club zu finden. Ein solcher Club gefiel einem Zwanzigjährigen aus dem grauen Deutschland. Der Frühling warf zarte Sonnenstrahlen. Der Sommer schien noch weit hin.
Im Laufe der Jahrzehnte haben zahlreiche Musiker Some day my Prince will come eingespielt. Zwei Versionen des Liedes ragen aus den Hunderten heraus: Die von Miles Davis und jene von Chet Baker.
Mein Liebling? Chet, immer wieder Chet! Ich mag dieses ambivalente Spiel von Chet Baker über alles. Hören Sie einmal in den Anfang dieses Songs hinein und hören Sie sich das Ende dieser Einspielung genau an. Das ist genial! Chet mit dieser coolen und doch swingenden Trompete. So einen dezenten Monolog mit Bass und Gitarre, solch eine romantische Phrasierung, so etwas hört man nicht alle Tage, traurig, aber dann doch irgendwie voller Vitalität.
Zuerst war Some day my prince will come das Wiegenlied in einem Zeichentrickfilm von Walt Disney. In Schneewittchen und die sieben Zwerge konnte das Publikum zum ersten Mal 1937 diesen Song hören. Das propere Schneewittchen singt es den Zwergen als Schlaflied vor.
Some day my prince will come
Some day we’ll meet again
And away to his castle we’ll go
Some day when my dreams come true
Frank Churchill, Disneys Hauskomponist, hat Some day my prince will come geschrieben und der Song wird zu einem beliebten Standard im modernen Jazz. Dave Brubeck, Keith Jarrett, Oscar Peterson, das Sun Ra Arkestra und viele andere haben den Song gespielt. Die Trompeten von Chet und Miles haben diesen Song für alle Zeiten geadelt. Von Schneewittchen und ihren sieben Zwergen zu Miles Davis und Chet Baker. Irre und aberwitzig. Aber letztendlich großartig, so ist halt Amerika!
The Girl from Ipanema. Die zierlichen Töne dieser gut verträglichen Melodie erzählen von dem Strandmädchen aus dem schwülen Rio de Janeiro. Und die Musik klingt denn auch nach Tropenhitze, nach dem Meer und wohl auch ein wenig nach feiner Erotik.
An einem hübschen Julitag, irgendwann Ende der 70er Jahre, irgendwo in einer Stadt am Meer, treffe ich die Sängerin Astrud Gilberto. Sie ist the Girl from Ipanema.
Tom Jobim komponierte dieses Lied und es hat Astrud Gilberto zu einem Weltstar gemacht. Das war 1964 und noch heute hört man das Lied aus den Radios und in den Pianostuben von Seattle bis Monaco. Tom hatte sich in ein Mädchen verliebt, das jeden Tag auf dem Weg zum Strand wiegenden Schrittes an der Bar Garota de Ipanema vorbei schlenderte.
Astrud Gilberto kommt noch immer mit ein paar Tönen aus. Das ist nicht weiter schlimm, weil ihr zartes Timbre so wunderbar zur spielerischen Abgeklärtheit passt, die diesen Rhythmus aus Samba und Cool Jazz so auszeichnet. Hier sei eine Stimme ohne Stimme am Werke, haben damals viele gelästert, hier singe eine Hausfrau. Das waren hässliche Kommentare, und törichte obendrein. Denn man muss einwerfen, Astrud und der Bossa, Widerspruch ist nicht erlaubt, it’s a perfect match.
Nachdem sich solch eine Sichtweise durchgesetzt hatte, war die Karriere von Astrud Gilberto nicht mehr aufzuhalten. Den Grammy hat sie damals für The Girl from Ipanema bekommen, für jene legendäre Aufnahme mit Stan Getz und Joao Gilberto, ihrem damaligen Ehemann und einem der Väter des Bossa Nova.
Jener Bossa Nova, die neue Welle, ist ein bekömmliches Mixgetränk aus brasilianischer Lebensfreude und amerikanischer Reflektiertheit. Der Bossa, ein populärer Musikstil in den 60er Jahren, kommt so als eine Stilmischung aus brasilianischer Rhythmik, der samba do brasil, und cool jazz-beeinflusster Melodieführung daher. Gerade die Intellektuellen und die akademische Mittelschicht mögen diese Musik, die sowohl auf’s Herz als auch auf’s Hirn zielt.
In all ihren Liedern hat sich die Gilberto immer innerhalb einer Oktave bewegt und manchmal meint man, sie könne gar nur drei Töne singen. Und trotzdem hat niemand so bezaubernd die kühle Sinnlichkeit des Bossa Nova darreichen können, wie diese kleine, aparte Frau.
Trotz aller gesanglicher Limitation gehören ihre Schallplatten zu den musikalischen Höhepunkten des Jazz im letzten Jahrhundert. Besonders wenn das Tenorsaxophon von Stan Getz ihr zur Seite stand. Überhaupt Stan Getz. Jener Stan Getz, der wohl der beste Tenorist von allen war, und der früh gestorben ist, weil er zu viel gesoffen und geraucht hat.
In meiner Hand einen Martini, in der anderen eine John Player stehe ich nun vor Astrud Gilberto, die mich offen anblickt. Ich sehe Astrud an, ringe nach Worten, und weiß nicht so recht, was ich sagen soll. Wenn Du singst, bekommt deine Stimme Flügel und entschwebt, sage ich, und wundere mich noch, dass ich solch Sonderbares verzapfe. Vielen Dank, erwidert Astrud, das haben Sie schön gesagt. Und ein Lächeln hellt das Gesicht dieser zarten Frau auf.
Rund 200 internationale Musikexperten haben Over the Rainbow zum besten Song des 20. Jahrhunderts gewählt. I don’t agree, dies ist nicht meine Meinung, aber mit etwas Phantasie kann man das so sehen.
Seine Premiere hat das Lied im Jahr 1939 in einem der ersten farbigen Hollywood-Streifen überhaupt, The Wizard of Oz. Der Zauberer von Oz. Die blutjunge Judy Garland singt den Song, wobei sie ihren träumerischen Blick auf die weite, endlose Landschaft richtet. Ein Jahr später erhält Over the Rainbow den Oscar für die beste Filmmusik.
Der große Harold Arlen hat den Song geschrieben, ein sehr trauriges Lied, eine Art Märchenlied über die Sehnsucht nach der heilen Welt, nach dem Land hinter dem Regenbogen, wo der Himmel blau ist und die Träume wahr werden.
Somewhere over the rainbow
Way up high
There’s a land that I heard of
Once in a lullaby
Bei Over the Rainbow bleibt mir immer die junge Judy Garland und die Filmsequenz vor Augen. The Wizard of Oz ist ein lustig-sentimentales Hollywoodprodukt für die ganze Familie: das Waisenmädchen Dorothy und ihre Freunde – der Blechsoldat ohne Herz, der feige Löwe und die Vogelscheuche ohne Verstand – bestehen allerlei Abenteuer auf der Suche nach dem magischen Zauberer von Oz.
Es existieren unzählige Cover-Versionen von Over the Rainbow. In Pop, in Hawaiianisch, in Show, als Kitsch, bei Contest, ein Karaoke-Kracher. Bei Over the Rainbow gibt es alles – die ganze Palette, von dämlich bis stark, von mitreißend bis abenteuerlich.
Das Lied ist bis heute auch ein Jazzstandard. Glenn Miller und seine Big Band haben Over the Rainbow gespielt, auf dem Piano Art Tatum oder Keith Jarrett, in modernen Versionen. Der Song eignet sich wunderbar als Jazzarrangement, weil die einfache Melodie genügend Raum zur Improvisation bietet. Auch hier gilt wieder: Aus einem einfachen Liedchen lässt sich ein musikalisch ambitioniertes Werk schaffen. Wenn es von intelligentem Jazz veredelt wird.
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