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Reisen & Begegnungen

Teddy Stauffer kann das braune Pack nicht ausstehen

Teddy Stauffer auf der Terrasse seines Apartments im mexikanischen Acapulco, im November 1982;
Photo by W. Stock

Einige Zeit haben die Nazis die Swing-Musiker in Ruhe gelassen. Eine trügerische Ruhe. Denn die Braunhemden haben die synkopierte Musik als entartete Kunst gehasst und bekämpft. Doch Teddy Stauffer war Schweizer und bei ihm hätte man diplomatische Verwicklungen riskiert. Zudem wollten die Nazis vor den Olympischen Spiele 1936 der Welt ein freundliches und sauberes Idyll vorgaukeln.

Teddy Stauffer und seine Original Teddies, damals Deutschlands bekannteste Swing-Band, befinden sich im Berlin der 30er Jahre auf dem Höhepunkt ihres Ruhms. Doch nach 1936 nimmt die Pression zu. Die Nazis verachten die Musik aus Amerika, seit 1935 darf Jazz nicht mehr im deutschen Rundfunk gespielt werden und nun werden auch öffentliche Auftritte schwieriger.

Der 73-Jährige führt mich auf die Veranda seiner Turmvilla in Acapulco, so als müsste er nach frischer Luft schnappen. Im November 1982 bin ich zu Besuch bei Teddy Stauffer in Mexiko, seiner neuen Heimat, und der berühmte Orchesterchef erzählt aus seinem bewegten Leben.

Wir spielten 1938 in Leipzig, im Felsenkeller, wo auf der Bühne und vor der Tanzfläche große Plakate hingen: Swing tanzen und Swingmusik verboten – Reichsmusikkammer. Zwischen zwei Musikstücken kam plötzlich die Gestapo auf die Bühne und stoppte das Konzert. Der Gestapoleiter sagte ganz formell: ‚Man hat reklamiert, dass Sie Swingmusik spielen.‘ Da meinte ich: ‚Ja, was ist denn das, Swingmusik?‘ Er konnte es natürlich nicht erklären.

Über das Gesicht des betagten Mannes huscht ein verschmitztes und zufriedenes Lächeln, während seine Augen zu dem blauen, sanften Meer vor Acapulco schweifen. Dann verdunkelt sich seine Miene und er versucht im nächsten Satz den melodiösen Klang seines Schweizerspanischs mit dem ruppigen Tonfall des Nazideutschs zu überspielen.

‘Spielen Sie keine deutschen Schlager?‘, fragte der Gestapomann hart. Da habe ich zu meinen Musikern gesagt, Nummer 43, das war ‚Bei mir bist Du schön‘. Das hört sich schön deutsch an, ist aber ein hundertprozentig jüdisches Lied. Das haben wir dann gespielt, aber die Gestapo sagte, dies sei immer noch amerikanische Negermusik. Daraufhin spielten wir den ‚Bugle Call Rag‘, aber im Marschrhythmus. In seinem Klarinettensolo hat Ernst Höllerhagen dann über das Horst-Wessel-Lied, die inoffizielle Nazi-Hymne, improvisiert. Das war so der Anfang von meinem Ende in Deutschland.

Der Völkische Beobachter, die Tageszeitung der Nazis, und ein Musikfachblatt griffen Stauffer und die Band dann an und schrieben: Raus mit diesen Ausländern und der Judenmusik. Das Ende der Schweizer Swing-Band in Deutschland war dann abzusehen. Die Teddies spielten auf der Schweizer Landesausstellung, als der Geisteskranke aus der Berliner Reichskanzlei 1939 den Überfall auf Polen befahl.

Der Krieg, vor dem so viele gewarnt haben, ist da. Es wird ein Krieg, an dessen Ende halb Europa in Schutt und Asche liegen wird und Millionen von Müttern, Vätern und Kindern in Konzentrationslagern um ihr Leben gebracht sein werden.

Doch Deutschland befindet sich im Kriegstaumel. Es herrscht Mobilmachung, die deutschen Musiker der Teddies werden eingezogen. Das Orchester zerbricht. Nein, nein, Widerstandskämpfer sei er nicht gewesen, meint Teddy Stauffer, das sei zu viel der Ehre. Er habe einfach dieses braune Pack mit seiner bornierten und freudlosen Auffassung vom Leben nicht ausstehen können.

Und im Jahr 1941 packt Teddy Stauffer dann seinen Koffer, fährt mit einem Dampfer über den Atlantik nach New York, geht nach Hollywood und wird viele Monate später hier in Acapulco stranden. Es wird für Teddy eine Vertreibung ins Paradies.

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Der Sinn des Lebens

gefunden in Wiesbaden, im Mai 2008; Photo by W. Stock

Es ist die Frage aller Fragen. Über diesen Sachverhalt haben sich über die Jahrhunderte hinweg zahlreiche Philosophen den Kopf zerbrochen, und auch ich habe manchmal den einen oder anderen Gedanken daran verschwendet.

Was ist der Sinn des Lebens? Man kann dazu Gedanken bei Sokrates nachlesen, bei Hegel oder auch bei Feuerstein. Was macht den Menschen aus? Worin liegt seine Berufung?

Vielleicht hätte man einmal diesen Friseur in Wiesbaden fragen sollen. Der weiß genau, worauf es im Leben ankommt. Auf seinem Ladenschild ist groß und deutlich die Antwort auf die Existenzfrage des Menschen zu lesen. Das Wichtigste im Leben sind: Sex, Luxus und ein geiler Haarschnitt.

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Frank Sinatra ist erkältet

Frank Sinatra, ein Glas Bourbon Whisky in der einen und eine Zigarette in der anderen Hand, stand in einer dunklen Ecke der Bar, an seiner Seite zwei scharfe, aber langsam verblühende Blondinen, die darauf warteten, dass er etwas sagte. Er sagte aber nichts…

Mit diesen stimmungsvollen Sätzen beginnt die Reportage Frank Sinatra Has a Cold. Dieses Werk ist ein literarisches Kleinod, eines der besten Stücke Journalismus überhaupt. Nicht nur der damaligen Zeit, nein, wahrscheinlich ist dies die gelungenste Reportage aller Zeiten.

Diese grandiose Literatur hat der New Yorker Journalist und Schriftsteller Gay Talese zu Papier gebracht: Frank Sinatra ist erkältet, so der deutsche Titel.

Im April 1966 erschien Taleses buchlange Story im Magazin Esquire. Beim 70-jährigen Bestehen der Monatszeitschrift 2003 wurde sie als die beste Esquire-Geschichte aller Zeiten ausgezeichnet. Und dies zu recht!

Dabei war die Perspektive der Reportage eher aus der Not geboren. Bekanntlich war Sinatra der schreibenden Zunft nicht gerade in inniger Liebe zu getan und auch diesem Projekt verweigerte er die Unterstützung. So lehnte der Sänger ein Interview ab und mochte auch von einer Begegnung mit dem seltsamen Schreiberling nichts wissen.

Doch statt nun aufzugeben, hängte sich Gay Talese drei Monate an den Sinatra-Tross. Er interviewte Friseusen, die Maniküre, den Busfahrer, Musiker, Sinatras Butler, ja, eigentlich jeden, der nicht schnell genug weglaufen konnte. So entstand schließlich ein beeindruckendes Portrait, das um das Objekt schleicht, wie der hungrige Wolf um das scheue Reh.

Gay Talese, Jahrgang 1932, ist der herausragende Vertreter eines Schreibstils, der New Journalism genannt wird. Talese baut in seine Reportage gerne lange Dialogszenen ein, der Journalist – und somit auch der Leser – steht quasi neben Geschehen. Oder besser: er steht mitten drin. Große Ohren, offene Augen, gute Nase – alles selbstverständlich für den Journalismus. Und die jungen und wilden Schreiber des New Journalism haben dieses Prinzip auf die Spitze getrieben.

Talese, der auch viel für die New York Times schrieb, veränderte mit seinen Reportagen die Perspektive des Schreibens: Bei einem Boxkampf portraitierte er nicht den Boxer, sondern den Mann, der den Gong schlug. Solches Vorgehen besitzt System: Unbeachtete Dinge rücken in den Vordergrund. Das literarische Muster lässt sich leicht durchschauen: Pars pro toto. Das Einzelteil steht für das Gesamtbild.

Die Sinatra-Reportage ist eigentlich kein typisches Talese-Stück. Die Glamour-Welt war nicht sein Ding. Viel lieber beobachtet er Aussenseiter, Verlierer, Verzweifelte, Allerweltstypen. Das sei allemal besser als sich Stars und Sternchen zu nähern, die eh nur eine Maske und viel Fassade vor sich her tragen.

Heute gehört Frank Sinatra Has a Cold zur Pflichtlektüre an guten Journalisten-Schulen. Diese Reportage markiert eine Sternstunde des New Journalism und des Journalismus überhaupt.

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Edmund Stoiber, der Architekt des modernen Bayern

Photo by W. Stock

Gut gelaunt, braungebrannt und mit sich selbst im Reinen kommt Edmund Stoiber aus der VIP-Lounge des FC Bayern München. Gerade haben seine Kicker, er ist Vorsitzender des Verwaltungsbeirates im Verein, in einem spannenden Match gewonnen. Mit viel Schwein und Schweini wurde Werder Bremen mit 2 zu 1 aus dem Pokal geworfen. Und Bastian Schweinsteiger aus Kolbermoor hat beide Tore geschossen.

Schade, dass Sie nicht mehr Ministerpräsident sind, sage ich zu ihm. Da sagen Sie was, antwortet er, das ist wirklich schade. Und Edmund Stoiber schaut mich offen und entspannt an. 14 Jahre war Stoiber Ministerpräsident in Bayern. Sie waren der erfolgreichste Ministerpräsident damals, werfe ich ein. Ja, Danke, sagt er. Wer will da widersprechen.

Denn in der Tat ist dieser Doktor Edmund Stoiber der Architekt des modernen Bayern. Eine Modernität, die auch für ihn gilt. Er verfügt über eine informative Homepage.

Sicher, unter Franz Josef Strauß wurden die Grundsteine für den Aufstieg Bayerns gelegt, doch Stoiber war derjenige, der die Bayern AG als Vorstandsvorsitzende in eine hoch prosperierende Phase geführt hat.

Dabei hat Stoiber den Freistaat geführt nach den Regeln des modernen Management: eine hartnäckige Ansiedlungspolitik, kluge Infrastrukturprojekte, eine innovative Clusterpolitik, beharrliche Mittelstandsförderung, Investitionen in Bildung. Edmund Stoiber und sein vorzügliches Team waren der Wirtschaft nahe und haben den Wohlstand gefördert. Während andere Bundesländer sich im Dialog und in der Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Politik arg schwer tun.

Der erzwungene Rücktritt, Stichwort Gabriele Pauli, war schillernd und unwürdig für einen Mann seines Kalibers und seiner Verdienste. Er hatte den Rückhalt verloren, auch und gerade bei den eigenen Leuten. Doch einen solchen Mann abdanken zu lassen, erwies sich als schwerer Fehler.

Die Ernte der Stoiber’schen Politik ist heute in Bayern zu bestaunen: ein hoher Lebensstandard, niedrige Schulden, ein fast ausgeglichener Haushalt und mehr oder weniger Vollbeschäftigung. Das ist sein Verdienst, was immer an Häme von Gegnern und auch von so genannten Parteifreunden gestreut wird. Die Partei, die das schöne Bayern erfand, lästern seine medialen Widersacher über die CSU, aber wie immer am Humor, es ist was Wahres dran.

Ihr Nachfolger ist schwach, sage ich an diesem Dienstagabend zu Edmund Stoiber. Jetzt wird seine heitere Miene ein wenig ernst. Es ist ein Schande, was da passiert. Eine Schande. Und Edmund Stoiber kommt gut in Fahrt. Die Leute wollen klare Kante, entweder dies oder das. Aber nicht dieses Hin- und Her-Gespringe. Ein klares Profil sei gefragt.

Ich nicke und er macht den Eindruck, dass er leidet, an der Orientierungslosigkeit und an dem windschnittigen Populismus der heutigen Politikergeneration. Was soll so aus Bayern werden? Das scheint als Frage im Raum zu stehen.

Zweimal tätschelt er meinen linken Arm und geht zur Rolltreppe. Als ein Mann, der weiß, was er geleistet hat und der als Architekt wohl ein wenig in Sorge scheint um sein Werk.

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Londons bester Swingerclub

Photo by W. Stock

Ronnie Scott’s in Soho. Photo by W. Stock

Sie sind fast alle verschwunden, entweder von der Bildfläche oder in die Bedeutungslosigkeit. Ich meine die Jazzclubs, dort wo sich in den 60er und 70er Jahren des abends die Anhänger der swingenden Musik trafen, bei einem Bier oder zweien, und den Musikern lauschten.

Wohin man auch blickt, traurig genug, die Jazzclubs spielen keine Rolle mehr. Mit einer Ausnahme, möchte man hoffnungsvoll anfügen, Ronnie Scott’s Jazzclub in London. Der zeigt sich fidel wie in alten Tagen.

Zwar ist sein Gründer, der Londoner Tenorsaxophonist Ronnie Scott, vor einigen Jahren gestorben. Doch es geschah dann etwas, was als großer Glücksfall zu bezeichnen ist. Auf den Gründer folgte mit der Theaterunternehmerin Sally Greene eine neue Generation, die den Laden übernahm, eine Person, die sowohl betriebswirtschaftliches Denken als auch musikalischen Sachverstand in sich vereinigt. Und wohl auch die Liebe zum Jazz.

Ronnie Scott’s Club liegt ein bisschen unscheinbar da in der Frith Street Nummer 47. Zwischen all den trendy Vineshops und Restaurants, den kleinen Trödelläden und den camouflierten Massagesalons. Hier zwischen Piccadilly und der Shaftesbury Avenue schlägt das Herz von London. nicht gerade im feinen und eleganten Takt, aber heftig pulsierend und dem Neuen zugeneigt.

Es fällt auf, dass im Club nicht nur kleine Hausgruppen oder der Nachwuchs spielt, sondern veritable Weltstars. Wenn ein Großer nach Europa kommt, dann ist die Chance groß, dass er hier in London in der Frith Street auftritt. Das lässt sich wegen der hohen Kosten allerdings nur amerikanisch darstellen. Die Auftritte des Stars erfolgen über zwei oder gar Auftritte pro Abend verteilt, wobei das Publikum dann immer ausgewechselt wird.

Zur Musik gibt es Essen, Getränke von der langen Bar links neben der kleinen Bühne. Eine Ronnie’s Bar, eine Lounge im Obergeschoss, rundet das Konzept ab. Dazu Merchandising. Nur in einer solchen Mischkalkulation wird man ein solch anspruchsvollen Programm finanziell stemmen können.

Und so geben sich die Stars von Jazz und Pop in Ronnie Scott’s die Klinke in die Hand: Tania Maria, José Feliciano, Nigel Kennedy, Monty Alexander, Manu Dibango – das sind Namen nur der letzten Wochen.

Was mir am neuen Ronnie Scott’s zudem auffällt, ist die Qualität des Marketing. Sonst oft nicht gerade die Stärke der Jazz-Freunde, zeigt sich die Werbung für den Club und die Konzerte auf der Höhe der Zeit. Website, Mitgliederkonzept, Thementage, Events, ein informativer Newsletter – alles vom Feinsten. Und all das, obwohl man mittlerweile über 50 Jahre auf dem Buckel trägt. Solches macht Hoffnung, nicht nur für den Jazz, sondern auch für den Live-Jazz.

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Boxkampf der Bärtigen

I’m not going to get into the ring with Tolstoy.

Ich werde nicht gegen Tolstoi in den Ring steigen.

Ernest Hemingway

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Heiner Geißler: Der schlaue Schlichter

Düsseldorf, am 23. Mai 1991; Photo by Hasso von Bülow

Wenn in Deutschland die Umwandlung eines Sackbahnhofes in einen Durchgangsbahnhof zur nationalen Fragen hochgekitzelt wird, dann bedarf es eines Schlauen, um die Gemüter zu beruhigen. Und, mit Heiner Geißler hat man den wohl Schlauesten für eine solch heikle Mission gefunden.

Geißler, 1930 in Oberndorf am Neckar geboren, ist einerseits Politiker durch und durch. Ein political animal, wie die Amerikaner eine solche Person bezeichnen. Mit allen Wassern gewaschen, wie man hierzulande so schön sagt, er kennt politische Ranküne, parlamentarische Finten und rhetorische Volten zu genüge.

Aber anderseits ist dieser Heiner Geißler auch ein Mann des Geistes und Denkens. Ein studierter und überzeugter Philosoph, den es in die Politik verschlagen hat. Und er ist Jurist, Richter obendrein, all das kann in diesem Fall nicht schaden.

Zudem pflegt Geißler einen deutlichem Hang zur Ironie, man möge alles nicht zu bierernst nehmen, und auch der Humor kommt bei ihm nicht zu kurz.

Es wird sich also kein besserer finden lassen, um diese merkwürdigen Wogen um Stuttgart 21 zu glätten. In der Stadt Hölderlins und Hegels wird Geißler seinen Kant auspacken. Es gäbe nicht die Wahrheit an sich, wohl eher nur die Wahrheit für sich, hier sei nun Respekt und Dialog vonnöten. Der Schalgabtausch solle offen, fair und dialektisch stattfinden. Und prompt haben sich die TV-Sender zur Direktübertragung angesagt. Das ist neu für diese Demokratie und man mag sich Schlimmeres vorstellen können.

Mit klarem Verstand und deutlicher Aussprache hat der CDU-Mann Geißler schon zehn Jahre als Sozialminister in Rheinland-Pfalz und später als Generalsekretär der Partei agiert. Später hat er sich dann mit seinem Weggefährten Helmut Kohl überworfen, hat sich operativ etwas zurück gezogen und ist dabei Stück für Stück nach links gerückt.

Ich habe Heiner Geißler im Mai 1991 kennengelernt, als ich den ECON Zukunftstag in Düsseldorf organisierte. Er trat dort als Abschlussredner am späten Nachmittag auf. Politik in der Krise hieß sein Thema, moderiert von Johannes Gross. Und Geißler lief zur Hochform auf. inhaltlich pointiert, klares Deutsch, punktgenaue Gedanken. Es ist stets Vergnügen, Geißler zu lauschen.

Menschlich zeigt sich Heiner Geißler höchst angenehm und unkompliziert. Über das Vortragsthema wird nicht lange verhandelt, über Honorar ebenfalls nicht, und ob ein Mercedes oder ein BMW den Referenten vom Flughafen abholt, das ist für ihn kein Thema. Heiner Geißler stellt die Inhalte, die Botschaft, die Vision in den Vordergrund.

Und so wird es wohl auch bei Stuttgart 21 sein. Es wird sich noch als listiger Schachzug des Ministerpräsidenten Mappus erweisen, den allseits respektierten Heiner Geißler zum Schlichter berufen zu haben. Ganz gleich, welches Ergebnis dann am Ende der Schlichtung stehen mag, Geißlers Mediation wird gehörig Dampf aus dem Stuttgarter Kessel lassen.

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Drei Wünsche des Jazz

Dies ist ein wunderbares Buch, ein Buch voller Anmut und Sentimentalität. Es lädt ein zur nostalgischen Reminiszenz und zum tiefgehenden Staunen. Ein Kleinod für Jazz-Freunde aus dem Reclam-Verlag.

Die Mentorin des Werkes, die Baronesse Pannonica de Koenigswarter, die jüngste Tocher von Charles Rothschild, war eine Jazzverrückte, seit sie als junges Mädchen die Plattensammlung ihres Vaters entdeckte.

Später wurde sie Vertraute, Beichtmutter und letzte Hilfe vieler Jazz-Musiker im New York der 50er und 60er Jahre. Nica war die Frau, in deren Wohnung Charlie Parker Obdach fand und starb. Und in der Thelonious Monk neun Jahre lebte.

In über zwei Dutzend Jazzkompositionen flog ihr der Dank der meist schwarzen Musiker zu. Nica oder My Dream of Nica von Sonny Clark beispielsweise oder das berühmte Pannonica von Thelonious Monk.

Mit ihrer Polaroid-Kamera fotografierte die Baronesse 300 ihrer Musikerfreunde und ihnen allen hat sie die Frage gestellt, was sie sich wünschen würden, hätten sie drei Wünsche frei. Ihre Großnichte Nadine de Koenigswarter hat aus den Antworten ein leidenschaftliches und zugleich liebenswertes Buch zusammen gestellt.

Ebenso interessant wie die leicht vergilbten Polaroids erscheinen die drei Wünsche der Giganten des Jazz. Von Monk, Dizzy Gillespie, Coleman Hawkins, Art Blakey oder Clark Terry. In ihren Wünschen zeigen sich die Künstler als sorgengeplagte underdogs, die in einem zähen Kampf um künstlerische Anerkennung, materielles Auskommen und wohl auch um ein bisschen Liebe ringen. So drehen sich die meisten Wünsche um die Themen Geld, Musik und Frauen.

Mein Lieblings-Dreier? Hier ist er:
1. Glück.
2. Musikalischen Erfolg.
3. Das Dritte will mir nicht einfallen!… Ich überlegte krampfhaft, was es ist…. Jetzt weiß ich’s! Ich wünsche mir ein Baby!

Dies schrieb Freddie Hubbard.

Der lakonische Miles Davis brachte nur drei Wörter zu Papier, denn er hatte nur einen Wunsch: WEISS zu sein.

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Das geht mir am Back vorbei

Back-Factory, gefunden im April 2008 in Frankfurt am Main; Photo by W. Stock

Wenn der Amerikaner substantivisch von Back spricht, so kann damit beim Menschen der Rücken, bisweilen aber auch der verlängerte Rücken gemeint sein. Das sollten empfindsame Gemüter wissen.

Und noch eines vorweg, ich mag Anglizismen. Einen Service Point finde ich richtig toll. Unter dem Facility Manager kann ich mir etwas vorstellen und downloaden sage ich lieber als runterladen.

Aber, bitte schön, Anglizismen mit Wert und Würde. Die Back-Factory als Negativ-Beispiel kriegt da von mir ein ganz dickes Auwei!

Meint der Laden in Frankfurt denn nun Backwaren-Factory (vom deutschen Verb backen abgeleitet) oder ist dies eine gänzlich englische Back-Factory? Den ganz Bösen mag ob dieser Zweideutigkeit die schmutzige Assoziation kommen, hier handele es sich um eine Rücken-Fabrik oder, noch schlimmer, gar um eine Arsch-Fabrik.

Aber nein, Entwarnung, ich kann Sie beruhigen: In der Back-Factory in Deutschland werden nach wie vor Brötchen, Kuchen und andere Teigwaren verkauft.

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Ein Schwede besucht Mario Vargas Llosa

Photos by Norbert Böer

Anfang der 80er Jahre besuchte ich Mario Vargas Llosa in seinem Haus in Lima. Na ja, Haus scheint leicht untertrieben, denn der Schriftsteller wohnt in einer riesigen weißen Villa, die nur durch die Autostrasse vom Meereskliff getrennt wird. Hier am Malecón im feinen Stadtteil Barranco erhält man einen atemberaubenden Blick auf den Pazifik, der in Lima wüster auftritt als sonst wo.

Als ich an dem großen hellbraunen Tor die Klingel betätige, kommen von der Strasse her zwei Kinder angelaufen, die dort spielten. Der Junge vielleicht vierzehn, fünfzehn, das Mädchen wesentlich jünger, so knapp zehn. Sie mustern mich kritisch von oben bis unten. Insbesondere unten, ganz unten.

Dem Jungen fällt mein Schuhwerk auf. Wie so oft in Südamerika trage ich Clogs, offene Halbschuhe, die einerseits bequem und andererseits schön luftig sind. Clogs, die in diesen Breiten Zuecos heißen, was umgangssprachlich auch mit Suecos assoziiert wird, also Schwedenschuhe. Und Schuhe aus Skandinavien, allein dies ist ja schon ziemlich dubios.

Denn Schweden besaßen in jenen Jahren ein ganz bestimmtes Image im erzkatholischen Südamerika. So wie wenn ein Deutscher den Begriff Ibiza hört, auch dieser ein klares Bild vor Augen bekommt. Und auch in Deutschland sagt man ja ab und an alter Schwede, was allerdings nur in gewissen Kreisen als Kompliment gemeint ist. In Schweden, so die Fama rund um den Äquator, seien die Sitten zwischen Männlein und Weiblein arg locker, in Schweden heiraten Frauen andere Frauen und in die Seen springt man aus Prinzip nur nackend. Wie auch immer, alles merkwürdig bis suspekt.

Und Schwedenschuhe? Jedenfalls waren Zuecos in Südamerika damals mehr oder weniger unbekannt, zumindest als Männerschuh. Denn kein richtiger Macho würde so etwas anziehen, Unisex ist sicherlich kein modischer Renner in Lateinamerika.

Der Junge, der meine Zuecos sieht, fängt an zu Kichern und raunt seiner Schwester zu: Schau mal, der Mann trägt Schuhe von einem Mädchen. Das ist doch…. Das Mädchen schaut den Bruder missbilligend an. Sei still, sagt sie, das ist doch der Besuch für Papa.

Die beiden sympathisch vorwitzigen Kinder auf der Strasse waren Gonzalo, der Sohn von Mario Vargas Llosa und die Tochter des Schriftstellers, Morgana.

Das war vor fast dreißig Jahren. Morgana Vargas Llosa ist heute eine bekannte Fotografin in Madrid und Gonzalo Vargas Llosa arbeitet bei der UNHCR, der Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen in Genf. Der erstgeborene Sohn Alvaro Vargas Llosa lebt in den USA und ist einer der liberalen Denker hinter dem amerikanischen Think Tank The Independent Institute in Washington, D.C. und ein wortstarker Kolumnist für verschiedene amerikanische Zeitungen.

Und der Schwede, der ja eigentlich ein Deutscher ist, und der noch nie in seinem Leben in Schweden gewesen war, der trägt auch heute noch manchmal Zuecos, seine Schwedenschuhe. Und, als ironische Fussnote der Zeitläufte: Im Jahr 2010 erhält dieser Mario Vargas Llosa aus Barranco, Lima, den Nobelpreis für Literatur – von, ja doch, von der Schwedischen Akademie.

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