Reisen & Begegnungen

Autor: Wolfgang Stock Seite 13 von 22

Der kölsche Mensch

Es kommt, wie es kommt. Das kölsche Grundgesetz: Sixt-Werbung am Flughafen Köln-Bonn, gefunden im November 2010; Photo by W. Stock

Nicht nur das Bier des Kölners heißt Kölsch nein, als kölsch kann man auch die Lebensphilosophie des Rheinländers bezeichnen. Denn der Kölner wird durch den Rhein geprägt.

Seit Jahrhunderten fließt der Fluß träge in seinem Bett vor sich hin. Wohl auch deshalb ist der Kölner Fatalist. Et kütt wie et kütt. Es kommt, wie es denn nun mal kommt. Dem Schicksal wird nicht groß nach getrauert. Wat fott is, is fott. Was weg ist, ist weg. Klar, so schnell bringt den Kölner nichts aus der Ruhe. Hauptsache, das Kölsch schmeckt.

Einmal im Jahr steigt der Rhein frech über die Ufer. Genauso ist der Kölner. Im Karneval zeigt der Kölner sein anderes Gesicht. Manche sagen, sein wahres Gesicht. Jedenfalls hilft auch hier das Kölsch ein wenig nach.

Der Kölner gibt sich großzügig und tolerant. Jede Jeck is anders. Das sind gleich zwei Botschaften in einem: Das Leben erschließt sich als ziemliche Narretei. Und jeder Narr ist anders. Oder: Jeder kann machen, was er will. Ein bisschen ist er halt Anarchist, der Kölner, aber nur ein bißchen.

Der Kölner hat eine Menge Humor. Sein Humor macht an der Gürtellinie selten halt. Müsste der Kölner sich eine Puppenfigur im Hänneschen-Theater aussuchen, dann ist er ein Tünnes und weniger der Schäl. Also, arglos und gutmütig, so sieht er sich, jedenfalls niemals boshaft oder durchtrieben.

Kennen wir nicht, brauchen wir nicht, weg damit.  Photo by W. Stock

Das Extreme ist ihm zuwider. Der Kölner steht politisch in der Mitte. In der kölschen Mitte. Die ist etwas weiter links als die, sagen wir, bayerische Mitte. Der Kölner macht kräftig auf fortschrittlich, ist aber im Grunde seines Herzens konservativ und will in Ruhe sein Kölsch trinken. Vielleicht ist er aber auch nur zu faul, in die Zukunft zu denken. Kenne mer nit, bruche mer nit, fott domet. Kennen wir nicht, brauchen wir nicht, weg damit. Das gilt für alles Neue, außer Kölsch.

Doch mit der Obrigkeit tut man sich schwer. Nicht nur mit der weltlichen. Der Kölner ist katholisch, zumindest, was er für katholisch hält. Auf den Kölner Dom ist er stolz, geht aber selten rein. Auf seinen Fußballklub 1. FC Köln schimpft er wie ein Rohrspatz, geht aber regelmäßig hin. Der Kölner mag seine erfolglosen Kicker, er ist also leiden gewöhnt.

Der Kölner legt keinen großen Wert auf Äußerlichkeiten. Er will Gemüt. Meist gibt sich der Kölner genügsam, etwas verschlampert, immer gemütlich und will im Grunde nur seine Ruhe haben. Wenn der Kölner zufrieden ist mit sich, dann sagt er zu seiner Stadt Kölle oder ein wenig vornehmer Colonia.

Der Rheinländer hat das Herz auf dem richtigen Fleck. Er mag die Wärme und die emotionale Bande. Zu den seinen und zu seinen Mitmenschen. Der Kölner bleibt immer Kölner, egal, wo er auf der Welt auch lebt. Ob in Amerika, Australien oder auf Mallorca. Ein Pferd, das man in den Kuhstall stellt, bleibt ein Pferd. Ja, der Kölner ist stolz auf seine Heimat.

Nun, ab und an gibt ein Problem. Das mag der Kölner überhaupt nicht. Deshalb wird dann erst mal ein Kölsch getrunken. Ein erster spontaner Versuch, das Problem zu ertränken. Wenn das nicht funktioniert, versuchen wir es am nächsten Tag noch einmal. Der Rheinländer ist gemütlich und wenn er zu gemütlich ist, dann wird er schnell selbstgenügsam.

Der Kölner spricht einen wunderbaren Dialekt. Eigentlich spricht er ihn nicht, sondern er singt ihn. Dieser rheinische Singsang ist eine volkstümliche Lyrik, die der deutschen Sprache ein wenig die Härte nimmt. Übrigens hält der Kölner einen sprachlichen Weltrekord: Das Deutsch des Kölners kennt drei verschiedene Arten ein G in nur einem Wort auszusprechen. Fluchzeuschträjer.

Der Kölner ist laut, nicht wenn er streitet, sondern, wenn er Spass hat. Wenn er streitet, ist der Kölner leise. Der Kölner mag Harmonie und er mag das Leben. Der Kölner isst gerne, aber noch lieber trinkt er. Das Bier darf seinen Namen tragen. Wo gibt es so etwas sonst auf der Welt?

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Bleicher Kinski in alter Post

(c) Werner Herzog Film

Eine Szene wie aus einem alten Gemälde, ein wenig Spätromantik und ein bißchen Biedermeier. Farbenfroh, mit Liebe zum Detail, vielleicht etwas kitschig, aber irgendwie auch mythisch.

Ein Notar sitzt vor dem Schreibtisch, davor eine Frau mit breitem Hut und ein Mann mit gebleichtem Wuschelhaar. Links huscht ein Bürobote durchs Bild. In der Ecke steht eine riesige peruanische Flagge.

Der Blick des Mannes, den Kopf auf seine linke Hand gelehnt, wie auch der Blick des Bildbetrachters wandern hinaus durch die beiden hohen Wandtüren über die Balustrade auf den breiten Fluss. Der Amazonas wirkt als perspektivisches Zentrum des Bildes, er ist die Verlängerung, die Schöpfung, das Göttliche. Die kraftvolle Natur steht in einem romantischen Sinne im Mittelpunkt der Szene. Der Mensch wirkt klein, adornisch, fast wie zerbrechliche Püppchen oder kleine Zinnfiguren.

Doch dies ist kein Werk der spätromantischen Malerei, sondern eine Filmszene aus Fitzcarraldo. Klaus Kinski und Claudia Cardinale beim Notar Bill Rose. Die Handlung spielt in der Amazonasmetropole Iquitos kurz nach der Jahrhundertwende, so um 1910. Kautschukboom in Südamerika.

Gedreht wurde diese Szene, wenn ich mich recht erinnere, in der alten Post von Iquitos. Den Raum erkenne ich wieder, denn ich bin Ende der 70er Jahre, wenn ich in Iquitos weilte, oft in das Postamt gegangen, um postlagernde Briefe abzuholen oder Grüsse in die Heimat zu schicken.

Das alte drei- oder viergeschossige Postamt befand sich direkt an der Uferstrasse, dem Malecón, neben dem ehemaligen Hotel Nacional, wo damals Militär untergebracht war. Ein fin-de-siècle-Haus, wie viele in Iquitos, was an die Cauchero-Zeit erinnert. Pompöser, neureicher Jugendstil unter sengender Tropensonne.

In der alten oficina de correos musste man in das erste Stockwerk hoch, über eine alte wuchtige Treppe, antikes Gemäuer, Tropenhölzer, altes Mobiliar. In den 80er Jahren ist das Postamt dann in ein modernes Gebäude in die Avenida Arica, zwei Strassenblocks vom Amazonas entfernt gezogen.

Der Star bei den Dreharbeiten zu Fitzcarraldo in Iquitos hieß nicht Kinski, sondern Claudia Cardinale. Die damals 42-jährige gibt sich als eine unprätentiöse, kollegiale Schauspielerin. Sie braucht keine Sonderbehandlung, macht kein großes Aufhebens um sich und ihren Ruhm. Ein Typ zum Pferdestehlen, würden die Jungs von nebenan sagen.

Wenn sie abends beim Italiener Don Giovanni, dem Stammlokal der Filmleute in der Calle Putumayo, ihre Pasta bestellt, und da in Jeans und T-Shirt sitzt, schlank, mit den leuchtenden schwarzen Haaren, so ganz ohne Allüren, dann ist sie die Claudia aus Rom. An der Seite stets ihr 24-jähriger Sohn Patrick, der seine Mama um fast zwei Köpfe überragt.

Das alte Postgebäude in Iquitos. Ein wunderschönes Gemälde, das in Wirklich eine Filmszene darstellt. An solch eingefrorenen Bildern mag man erahnen, welch ein Meisterwerk dem Regisseur Werner Herzog 1982 da mit Fitzcarraldo gelungen ist.

Normalerweise steht hier kein werblicher Hinweis. Aber bei einem solch betörenden Werk machen wir die Ausnahme. Den Movie Stills gibt es im Kunsthaus Lumas als Fotografieabzug, nummeriert und signiert. Zu einem, wie ich meine, unexotischen Preis.

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Naht hier das Ende?

gefunden in Westerland/Sylt, im Mai 2008;

gefunden in Westerland/Sylt, im Mai 2008; Photo by W. Stock

An Hausfassaden mag man erhellendes lesen. Eine Jahreszahl hier, ein Werbespruch da. Oder das Haus schmückt sich mit einem Namen. Villa Kennedy, zum Beispiel. Oder Südtiroler Stuben.

Dieses Haus hier auf der Insel Sylt trägt den merkwürdigen Namen Terminus. Latein. Wir haben fertig? Kam mir als erstes in den Sinn. War wohl ein schwieriges Haus.

Sollte man meinen. Das Verb jedoch heißt terminare und das Partizip Perfekt Passiv, Nominativ, im Singular, maskulin wäre eigentlich dann terminatus – fertig!

Anderer Gedanke: Altersheim. Jetzt kommt das Ende. Ende der Reise des Lebens. Kann doch wohl nicht sein! Da es sich um ein Ferienhaus handelt, vielleicht Ende der (Urlaubs-) Reise. Fragen über Fragen.

All dies ist aber nicht gemeint. Denn Terminus als Substantiv bedeutet im Lateinischen auch Grenzstein oder Grenze, so dass dieses Haus wohl seine Grenze zu irgendetwas betont. Vielleicht die Grenze zur Innenstadt.

Übrigens, Terminus ist in der Mythologie auch die Gottheit der Grenzen und Grenzsteine.

Die Mehrzahl von Terminus ist Termini. Der Bahnhof von Rom heißt bekanntlich Roma Termini und er heißt so, weil er der Kopf- oder Endbahnhof der Römer ist.

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Management by Objectives – der humane Unternehmenserfolg

Professor Peter F. Drucker und Wolfgang Stock, Düsseldorf im Juni 1993; Foto: Hasso von Bülow  

Wenn mich eine Managementtheorie mein Berufsleben begleitet hat, dann diese: Management by Objectives. Ich habe dies immer beherzigt, an jeder Arbeitsstelle, bei jedem Projekt, in jeder Teamleistung und zu jeder Zeit. Peter F. Drucker hat dieses Führungsverhalten beschrieben und den Begriff dazu erfunden.

Das Führungscredo des Management by Objectives machte den gebürtigen Wiener Peter Drucker unsterblich. Das war damals, wir sprechen vom Jahre 1954, revolutionär und ist heute Allgemeingut. Führen durch Zielvereinbarungen.

Der Vorgesetzte setzt sich mit Teammitgliedern, Abteilungsleitern und Führungskräften zusammen und es werden kollektive und individuelle Zielvereinbarungen getroffen. Diese können konkret sein, sich in Facts and Figures ausdrücken. Sie können allerdings auch abstrakt formuliert sein. Eine gute, publikumsnahe Zeitung zu machen, beispielsweise.

Der Weg, wie dieses Ziel zu erreichen ist, bleibt dann dem Mitarbeiter überlassen. Er kennt die Materie besser als sein Vorgesetzter, er ist nahe am Kunden, und er vermag wiederum seine eigenen Mitarbeiter bestmöglich einzusetzen. Gemessen wird an der Zielerreichung. Jeder weiß, woran er ist. Jeder weiß, welche Verantwortung er trägt.

Damit Management by Objectives nicht ins Unverbindliche abrutscht, muß die Zielvereinbarung in einen verbindlichen Rahmen gebunden werden. SMART schlägt Peter Drucker vor – Spezifisch, Messbar, Aktiv beeinflussbar, Realistisch, Terminiert. Jede Organisationseinheit und jeder Mitarbeiter weiß, woran er arbeiten muss und was von ihm verlangt wird. Und dazu: Welches strategische Ziel das Gesamtunternehmen verfolgt.

Peter Drucker hat MbO vor über einem halben Jahrhundert als praxistaugliches Rüstzeug entworfen. Wir müssen uns nur in die 1950er Jahre zurück versetzen. Damals regierten in den Unternehmen Befehl und Gehorsam, Betriebe wurden meist wie Militärkompanien geführt oder bestenfalls von einem Patriarchen dominiert. Management by Objectives gewährte nun erstmalig Entfaltungsmöglichkeit und Freiraum für eigene Ideen.

MbO setzt auf den mündigen und findigen Mitarbeiter und ist damit ein Gegenentwurf zum Typ Hallo Chef, Feuer im Betrieb, was soll ich tun? Weil Freiheit und Autonomie dieses Management by Objectives prägen, hat es noch heute seine Gültigkeit. Das mag etwas über die Substanz dieses Theorems aussagen, wenn es sich in der schnelllebigen Wirtschaft über ein halbes Jahrhundert zu halten vermag.

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Der Playboy im Flieger

Vor einiger Zeit ein Flug mit Air Berlin. Beim Einstieg wird auch Magazinlektüre angeboten. Neben der Süddeutschen Zeitung und Die Welt liegt eine bunte Fotozeitschrift, die seit fast 60 Jahren auf den hübschen Namen Playboy hört.

Das Magazin mit den Nackedeis liegt neben all den anderen Zeitungen und Zeitschriften auf einer hüfthohen Ablage, wenn man direkt ins Flugzeug einstieg. Und man kann sich rasch ein Exemplar unter den Arm stecken.

Doch Playboy kann vielleicht ein bisschen heikel werden. Denn es sind ja nicht nur Kinder an Bord, vielleicht mag ja auch dem einen oder anderen Erwachsenen beim Anblick einer spärlich bekleideten Dame der Schreck in die Glieder fahren.

Also müssen die nackten Tatsachen versteckt oder zumindest verdeckt werden. Hier ist guter Rat gefragt.

Die Kollegen vom hoch seriösen Burda Verlag, der den deutschen Playboy seit geraumer Zeit herausgibt, hatten da eine pfiffige Idee. Um den nackten Playboy herum wird für die Airline-Ausgabe ein zusätzlicher, neutraler Schutzumschlag gebunden: Mit einem Foto, aus einem Flugzeug aufgenommen, über der Wolkendecke, aus der zwei runde, spitze Berge ragen.

Innen Playboy, außen wolkig. Herrlich zweideutig, Chapeau, eine wunderbare Idee und eine Zeitschriften-Rarität!

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Rum Hemingway

Photo by W. Stock

An intelligent man is sometimes forced to be drunk to spend time with his fools.
Ab und an ist ein kluger Mann gezwungen, sich zu betrinken, damit er es bei den Dummköpfen aushält.
Ernest Hemingway

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Hunter S. Thompson, unser Bester

Als Jugendlicher habe ich zum ersten Mal eine dieser wilden Reportagen von Hunter S. Thompson gelesen. Wenn ich mich recht entsinne, handelte die Geschichte von Ernest Hemingway und von seinem letzten Wohnort Ketchum in den Bergen Idahos.

Nicht nur das Thema hat mich elektrisiert, sondern auch die Art und Weise, wie dieser junge Autor seine Reportage stilistisch anpackte. Das war mehr als merkwürdig, das war eigenartig und seltsam, das war so ganz anders, als das, was ich bisher von Journalisten gelesen hatte.

Ein Stück von ihm erkannte man nach dem ersten Satz. Stets ignorierte der Mann alle Regeln einer guten Reportage. Mal fing er mit wörtlicher Rede an, mal erzeugte er null Atmosphäre zu Beginn, dann fabulierte er wild drauf los, rotzte seine Meinung zu Papier und zelebrierte mit Leidenschaft seine Wutausbrüche und seine Außenseiterrolle.

Er machte beim Schreiben keinen Hehl aus der Tatsache, dass er nicht nur unter Adrenalin stand, sondern wohl auch unter Alkohol, Acid, Dope und weiß der Teufel was. Er veröffentlichte meist im Rolling Stone, einem Musikmagazin, das das Lebensgefühl einer ganzen Generation ausdrückte.

Hunter S. Thompson und sein Gonzo-Stil waren Woodstock auf der Schreibmaschine, laut, schrill, anti gegen alles, er war ziemlich durchgeknallt. Aber in ihrer subjektiven Radikalität hatten seine Texte etwas, was der ganze Sesselpupser-Journalismus nicht hatte: Nähe und Authentizität.

Die besten Schreiber des romanhaften Erzählens, des New Journalism, kamen aus den USA. Und Hunter S. Thompson, dieser ziemlich irre Typ, war der Star dieser neuen Art zu schreiben. Seine Themen waren aus der Welt dieser neuen Generation, die den Aufstand gegen die alten Werte probte: Er schrieb über die Rockergang der Hell’s Angels, über Las Vegas, über Marlon Brando, über das Kentucky Derby.

Diese Reportage über das Kentucky Derby kommt urkomisch daher. Dabei schreibt Hunter nicht über das eigentliche Rennen, sondern gibt seinen Versuch zum Besten, an Pressekarten zu kommen. Oder er lungert an der Bar herum mit tumben Pferdenarren. Aber durch diese Schilderungen verrät er mehr über das Ereignis, als wenn er das blosse Pferderennen beschreiben würde. Hier zeigt sich: Hunter S. Thompson war wohl der Beste seiner Generation.

In dem Abschiedsbrief an Frau und Sohn, den der Rolling Stone Monate nach seiner Selbsttötung veröffentlichte, schrieb er: No More Games. No More Bombs. No More Walking. No More Fun. No More Swimming. 67. That is 17 years past 50. 17 more than I needed or wanted. Boring. I am always bitchy. No Fun – for anybody. 67. You are getting greedy. Act your old age. Relax – This won’t hurt. Ich bin 67. 17 mehr als 50. Das sind 17 Jahre mehr als ich brauchte und wollte. Das macht keinen Spass – für niemanden. Bleib ruhig, Bursche, es tut nicht weh.

Er schoss. In den Kopf. Am Schreibtisch.

Bei seiner Beerdigung im August 2005 war Hunter S. Thompson wieder ganz der Alte. Er hatte jede Einzelheit der Beisetzung genau geplant und wieder war alles ziemlich schräg: Als Höhepunkt ließ er aus einer riesigen Kanone seine Asche in die Luft von Colorado schießen.

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2much nonsense 4me

gefunden in Wiesbaden, im Mai 2008; Photo by W. Stock

gefunden in Wiesbaden, im Mai 2008; Photo by W. Stock

Natürlich kann man sein Ladenschild auch als hübsches Bilderrätsel aufbauen. Ein solches Rätsel habe ich in Wiesbaden gefunden.

2nice – but not 2nice 4you. So heißt der Laden. Ziemlich schräg. Bedeutet dies: Too nice – but not too nice for you? Das wäre dann so dämlich, dass es weh tut. 2much nonsense 4me.

Ladenschilder sollten so gestaltet sein, dass man sie schnell verstehen kann. Der Laufkunde sollte rasch kapieren, was im Geschäft eigentlich angeboten wird. Wir befinden uns ja nicht auf Schnitzeljagd beim Kindergeburtstag.

Was macht das überhaupt für einen Sinn? So hübsch – aber nicht zu hübsch für Sie? Ist das lustig oder nur ballaballa?

Mir erschließt sich der Sinn nicht, obwohl ich doch Abitur habe. Denn zu Ende gedacht, heißt das ganze: Hier gibt es Mittelmaß und Dutzendware für Sie – not too nice for you.

Das Ganze grenzt ja fast an Kundenbeschimpfung! Dass diese Redewendung im Englischen auch Sie sind es wert heißen kann, werden die wenigsten wissen.

Oh, fast hätte ich es vergessen, eine ganz schüchterne Frage: Was gibt es denn bei 2nice zu kaufen? Ich weiß es bis heute noch nicht.

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Luis Spota entlarvt B. Traven

Acapulco 1982; Photo by W. Stock

Der enigmatische Schriftsteller B. Traven war untergetaucht, und zwar im sonnigen Acapulco. Im Juli 1948 entdeckt der damals 25-jährige mexikanische Reporter Luis Spota den scheuen und geheimnisumwitterten Autor B. Traven in der Hafenstadt am Pazifik.

Spota ist ein junger investigativer Reporter aus der Hauptstadt Mexico City. Finde heraus, wer Traven ist, hatte ihm sein Chefredakteur als Auftrag mit auf den Weg gegeben.

Spota hat nach Beendigung der Dreharbeiten zu Der Schatz der Sierra Madre die Spur von Hal Croves, angeblich Travens Sekretär, verfolgt. Diese Spur von Croves führt nach Acapulco an den Pazifik, wo Croves unter dem Namen Berick Torsvan als Inhaber eines kleinen Restaurants lebt.

Den entscheidenden Tipp und die Adresse bekommt Spota von der Banco de México zugesteckt. Als ein Briefträger in Acapulco ihm obendrein verrät, dass ein geheimnisvoller Señor Berick Torsvan Honorarzahlungen des Literaturagenten Josef Wieder aus Zürich erhält, die an einen gewissen B. Traven adressiert sind, da verfliegt bei Luis Spota der letzte Zweifel: Berick Torsvan ist B. Traven. Spota hat den unsichtbaren deutschen Autor entdeckt, als erster.

In Acapulco legt sich Spota auf die Lauer, als Torsvan alias Traven seinen täglichen Gang zum Postamt in der Nähe der Uferpromenade unternimmt. Luis Spota sieht einen gutgekleideten Mann in einer weißen Flanellhose, einem hellblauen Hemd und mit einer dunklen Sonnenbrille, der kurz mit einigen Einheimischen plaudert.

Der mitgebrachte Fotograf drückt auf den Auslöser und schießt seine Schnappschüsse von dem Mann. Es werden die ersten öffentlichen Fotos sein, auf denen der merkwürdige B. Traven abgebildet ist. Nunmehr erhält Mexiko und die Welt ein Bild dieses Autors. Als Traven den jungen Spota und seinen Fotografen bemerkt, wird er sichtlich nervös, dann ungehalten und schließlich ergreift er die Flucht.

Spota besucht Traven alias Torsvan alias Croves in seinem Restaurant und konfrontiert ihn mit seiner Recherche. Zuerst redet der kleine Mann, den sie hier el gringo nennen, drumherum bis er schließlich seine Identität preisgibt. In Tampico störte es mich, dass sie mich nur den Schweden nannten, deshalb nannte ich mich Traven. Ein Verleger in München hat dann das B. davor gesetzt.

Luis Spota schreibt für das Magazin Mañana eine mehrseitige Reportage, die am 7. August 1948 veröffentlicht wird. Mañana descubre la identidad de B. Traven! Mañana enthüllt die Identität von B. Traven!, heißt die reißerische Überschrift des Artikels. Berick Torsvan ist Hal Croves ist B. Traven.

Blätter in aller Welt drucken den Scoop Spotas nach. Das größte Nachrichtenmagazin der Welt, das Time Magazin, berichtet in seiner Ausgabe vom 16. August 1948 von Spotas Entdeckung unter der Überschrift The Secret of El Gringo.

Doch trotz Spotas Beweisen streitet der kauzige Gastwirt Berick Torsvan später wieder ab, der Autor B. Traven zu sein. Torsvan taucht nun bei seinem Freund Gabriel Figueroa unter, womit Traven dann ein weiteres Mal für geraume Zeit von der Bildfläche verschwunden ist.

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Extrablatt – Irnbergers aufmüpfiges Magazin aus Wien

In den späten 1970er und frühen 1980er Jahren habe ich ab und an für das Wiener Extrablatt geschrieben. Das österreichische Monatsmagazin stand dem linken Flügel der Sozialdemokratie nahe. Es besaß seine Sympathien für den großen Bruno Kreisky, mit ein wenig Distanz natürlich, so wie in der Beziehung eines pubertanten Jungen zu seinem Vater.

Die Auslandsberichterstattung war für jene Jahre ausführlich und profund. Aus Lateinamerika, dem Nahen Osten oder Südeuropa. Großartige Autoren veröffentlichten erstklassige Texte in der Zeitschrift. Die Innenpolitik ging man oft investigativ an. Dabei war die Zeitschrift groß im Aufdenken von politischen oder sozialen Ferkeleien in der Alpenrepublik.

Viele, denen später Ruhm und Ehre zuteil wurden, haben in jungen Jahren im Extrablatt veröffentlicht. Da ist Manfred Deix, der Sankt Pöltener Karikaturist, mit seinen beißenden Cover-Grafiken. Da ist Marie Luise Kaltenegger, die wie keine zweite einfühlsame und sinnliche Reportagen zu schreiben vermochte. Und die Liste ließe sich fortsetzen: Elfride Jelinek, Erich Hackl oder Christoph Ransmayr.

Der Kopf hinter, vor, über und unter dem Extrablatt war Harald Irnberger. Irnberger war ein – positiv gemeint – Besessener. Er ging zu Arafat zum Interview als dies noch einen Skandal auslöste und deckte in Wien kompromisslos die eine oder andere Misswirtschaft auf, auch wenn dies a conto SPÖ ging.

Irnberger war, insbesondere analytisch, ein guter Journalist, vielleicht ein Hauch zu schwärmerisch. Aber er besaß ein gutes Auge und einen klaren Verstand, was in seinen Reprotagen für Focus, GEO und den stern nachzulesen ist. Und er hat ein wunderbares Buch geschrieben über Gabriel García Márquez, den er persönlich gut kennt.

Anfang der 1980er Jahre kam das Extrablatt in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Als Verleger blieb Irnberger eigentlich immer klamm und wenn ich ihn am Telefon hatte und ihn sanft an ausstehendes Honorar erinnerte, da kam in einem melodischen österreichischen Tonfall meist eine solch hübsche Erklärung, dass man nicht weiter insistieren mochte. Zum schlechten Ende musste Harald Irnberger das Extrablatt schließlich aufgeben.

Der hagere und bärtige Journalist, vom Jahrgang 1949, ging dann als Korrespondent viele Jahre nach Mittelamerika in die Bürgerkriegsstaaten. Danach ließ sich Irnberger mit seiner Frau in Andalusien nieder, wo sich beide eine Finca mit Meerblick aufbauten.

Der Kärntner war in den letzten Jahren für den KICKER ein kluger Spanien-Korrespondent, jenseits von EinsNull, und schrieb mit Die Mannschaft ohne Eigenschaften ein scharfsinniges Buch über die Globalisierung im Fußball. Ein dicker Schmöker, dem er ein Zitat von Martin Walser voranstellte. Es gibt nur etwas, das noch sinnloser ist als Fußball: nachdenken über Fußball.

Und in letzter Zeit hat sich der Wahl-Spanier auch als Autor von Krimis mit Wiener Flair einen Namen gemacht. Mord und Totschlag, der Fußball, die Sandinisten – Irnbergers Welt war bunt und abenteuerlich. Nun, im August 2010, ist Harald Irnberger in Andalusien verstorben.

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