Reisen & Begegnungen

Autor: Wolfgang Stock Seite 14 von 22

Extrablatt – Irnbergers aufmüpfiges Magazin aus Wien

In den späten 1970er und frühen 1980er Jahren habe ich ab und an für das Wiener Extrablatt geschrieben. Das österreichische Monatsmagazin stand dem linken Flügel der Sozialdemokratie nahe. Es besaß seine Sympathien für den großen Bruno Kreisky, mit ein wenig Distanz natürlich, so wie in der Beziehung eines pubertanten Jungen zu seinem Vater.

Die Auslandsberichterstattung war für jene Jahre ausführlich und profund. Aus Lateinamerika, dem Nahen Osten oder Südeuropa. Großartige Autoren veröffentlichten erstklassige Texte in der Zeitschrift. Die Innenpolitik ging man oft investigativ an. Dabei war die Zeitschrift groß im Aufdenken von politischen oder sozialen Ferkeleien in der Alpenrepublik.

Viele, denen später Ruhm und Ehre zuteil wurden, haben in jungen Jahren im Extrablatt veröffentlicht. Da ist Manfred Deix, der Sankt Pöltener Karikaturist, mit seinen beißenden Cover-Grafiken. Da ist Marie Luise Kaltenegger, die wie keine zweite einfühlsame und sinnliche Reportagen zu schreiben vermochte. Und die Liste ließe sich fortsetzen: Elfride Jelinek, Erich Hackl oder Christoph Ransmayr.

Der Kopf hinter, vor, über und unter dem Extrablatt war Harald Irnberger. Irnberger war ein – positiv gemeint – Besessener. Er ging zu Arafat zum Interview als dies noch einen Skandal auslöste und deckte in Wien kompromisslos die eine oder andere Misswirtschaft auf, auch wenn dies a conto SPÖ ging.

Irnberger war, insbesondere analytisch, ein guter Journalist, vielleicht ein Hauch zu schwärmerisch. Aber er besaß ein gutes Auge und einen klaren Verstand, was in seinen Reprotagen für Focus, GEO und den stern nachzulesen ist. Und er hat ein wunderbares Buch geschrieben über Gabriel García Márquez, den er persönlich gut kennt.

Anfang der 1980er Jahre kam das Extrablatt in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Als Verleger blieb Irnberger eigentlich immer klamm und wenn ich ihn am Telefon hatte und ihn sanft an ausstehendes Honorar erinnerte, da kam in einem melodischen österreichischen Tonfall meist eine solch hübsche Erklärung, dass man nicht weiter insistieren mochte. Zum schlechten Ende musste Harald Irnberger das Extrablatt schließlich aufgeben.

Der hagere und bärtige Journalist, vom Jahrgang 1949, ging dann als Korrespondent viele Jahre nach Mittelamerika in die Bürgerkriegsstaaten. Danach ließ sich Irnberger mit seiner Frau in Andalusien nieder, wo sich beide eine Finca mit Meerblick aufbauten.

Der Kärntner war in den letzten Jahren für den KICKER ein kluger Spanien-Korrespondent, jenseits von EinsNull, und schrieb mit Die Mannschaft ohne Eigenschaften ein scharfsinniges Buch über die Globalisierung im Fußball. Ein dicker Schmöker, dem er ein Zitat von Martin Walser voranstellte. Es gibt nur etwas, das noch sinnloser ist als Fußball: nachdenken über Fußball.

Und in letzter Zeit hat sich der Wahl-Spanier auch als Autor von Krimis mit Wiener Flair einen Namen gemacht. Mord und Totschlag, der Fußball, die Sandinisten – Irnbergers Welt war bunt und abenteuerlich. Nun, im August 2010, ist Harald Irnberger in Andalusien verstorben.

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George Clooneys Tante

Diese Sängerin mag ich sehr. Sie hat eine feste, swingende Stimme wie aus dickem Glas. Meist sang sie das Great American Songbook, Rodgers & Hart, Cole Porter, Irving Berlin. Romantische Balladen, da lag ihr Profil, durchaus gewürzt mit dynamischen Tempi.

Hey there war meist ihr opening theme. In den 50ern hatte Rosemary Clooney ihre große Zeit. Man fand sie an der Seite von Benny Goodman, von Dámaso Pérez Prado, sie sang mit Dean Martin und all den anderen Großen. Danach geriet sie ein wenig in Vergessenheit, auch als Schauspielerin.

In den 80er Jahren erlebte sie ein fulminantes Comeback, meist unterstützt von einer formidablen swingenden Combo aus Kalifornien, der Concord Band mit dem wunderbaren Trompeter Warren Vaché und dem lyrischen Tenoristen Scott Hamilton.

Hier singt Rosemary Clooney live mit Les Brown & his Band of Renown. Das ist ein ganz feines, sehr kompaktes und swingendes Orchester. Eine Big Band, die nie ganz in der ersten Reihe stand, aber als Begleitband von Doris Day und als Hausband der Dean Martin Show ungeheur populär war.

Diese solide Big Band war seit den 40er Jahren über all die Dekaden hinweg immer präsent und selbst heute, in für Jazz Orchester ungemein schwierigen Zeiten, ist sie immer noch da. Jetzt geleitet von Les Brown junior.

Zurück zu Rosemary Clooney. Eine Frage liegt Ihnen sicher auf der Zunge. Ja, Rosemary ist eine Clooney, verwandt mit dem berühmten Schauspieler. Rosemary Clooney ist die Tante von George Clooney. Denn George ist der Sohn von Rosemarys Bruder Nick. Und leider muss man sagen, sie war seine Tante.

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Lee Iacocca, der fischende Automann

Gravenbruch, den 14. September 1989; Foto by Hasso von Bülow

Der Mann wird bewacht wie ein Staatspräsident. Gerade hat mich der breitschultrige Bodyguard prüfenden Blickes gemustert, beiläufig genickt, seine ausgebeulte Achselpartie stramm gezogen und mich kurz durchgewinkt. Etwas unsicher biege ich um die Ecke und gehe auf ihn zu. Der berühmteste Manager der Welt lächelt mich an.

Der US-Amerikaner Lee Iacocca ist nicht zuletzt deshalb einer der bekanntesten Manager, weil er als erster ein Spitzengehalt von über 20 Millionen Dollar eingestrichen hat. Er ist zudem ein begnadeter Verkäufer. Aber mehr als das. Er ist ein sympathischer Entertainer, eine legendäre Führungskraft und ein erfolgreicher Bestsellerautor.

This is Doctor Stock from ECON Publishers, stellt mich sein Referent, der dann von seiner Seite weicht, vor. Nice to meet you, Doctor Stock, strahlt mich der Auto-Manager an. Man merkt, hier redet ein Mensch, der Menschen mag.

Der größte Erfolg von Lido Anthony Iacocca, den alle Welt kurz Lee nennt, beginnt mit einer unerwarteten Niederlage. Henry Ford II hat ihn 1978 als President von FORD rausgeschmissen. Einfach so, ohne Vorwarnung, ohne Grund. Ihn, den erfolgsverwöhnten Lee, der seit den frühen 50er Jahren für FORD gearbeitet hat.

Im Jahr seines Rauswurfs hat Lee Iacocca den Aktionären und der Familie Ford einen Firmengewinn von 2 Milliarden Dollar auf den Tisch gelegt, die Bilanz strahlte wie der Weihnachtsbaum vor dem Rockefeller Center. Es war verrückt.

Aber vielleicht war Iacocca zu erfolgreich. Lee, hat Henry Ford zu Iacocca gesagt und ihn im Garten vor dem Firmengebäude in Detroit zur Seite genommen, schauen Sie einmal nach oben. Und deutet auf das Dach der Konzernzentrale mit dem wuchtigen FORD-Schriftzug. Welcher Name steht da? Und Lee hat verstanden.

Er geht dann als Chairman zu Chrysler, arbeitet für einen symbolischen Dollar und rettet den maroden Autobauer, der kurz vor der Pleite steht. Bei Chrysler hat er die Marketing-Idee des Jahrzehnts: Er tritt in den TV-Werbespots für den Dodge und den Plymouth persönlich auf. Ähnlich wie der Verkäufer einer Filiale. Die Botschaft ist klar: Iacocca verbürgt sich für dieses Auto, er steht mit seinem guten Namen und seiner Person für diesen Konzern. The pride is back.

Thanks for all your help meint er bei unserem Treffen in Gravenbruch, so als sei ich nicht ein kleiner Lektor, sondern seine wichtigste Stütze. I appreciate your help. Und zum Abschied ruft er mir nach: Best wishes. Und lächelt. Lee ist ein Automanager. Aber noch mehr ein Menschenfischer, einer der besten Menschenfischer überhaupt.

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Hier war Hemingway gewesen

Hotel Hemingway, gefunden in Caorle/Italien, im September 2005; Photo by W. Stock

Dieser Ernest Hemingway hat Spuren hinterlassen. Ohne Zweifel literarische Spuren, er hat aber auch Spuren hinterlassen in den zahlreichen Städten und Orten, die er besucht hat.

Museen sind für ihn eingerichtet worden, Stiftungen wurden gegründet, Zeitschriften mit seinem Namen werden verlegt, Kofferkollektionen, Schuhe und Füllfederhalter wurden nach ihm benannt, ein Hemingway-look-alike-Contest ist jedes Jahr in Florida ein Schenkelklopfer, Strassen tragen seinen Namen. Auch Schulen, Hotels, Angelwettbewerbe, Yachthäfen heißen so wie er. Bars und Kneipen sowieso.

Und Ernest Hemingway hielt sich mit Vorliebe dort auf, wo es etwas zu erleben gab: an der Frontlinie des Ersten Weltkriegs, im Spanischen Bürgerkrieg, im Paris, als die deutschen Besatzer verjagt wurden, in den Steppen Afrikas, bei Castros kubanischer Revolution.

Hemingway ging raus, dort hin, wo sich das Leben zutrug. Als Autor war er das schiere Gegenteil eines Schreibtischtäters. Du kannst eine Sache nicht richtig begreifen, wenn du sie nicht mit eigenen Augen gesehen hast, meinte er – und er musste die Welt mit eigenen Augen sehen.

Es gibt wohl keinen anderen Schriftsteller weltweit, der sich so ins öffentliche Bewußtsein hineingebohrt hat wie er. Einfache Leute, die sonst nie ein Buch in die Hand nehmen, haben seine Geschichten gelesen, weil sie sich darin wiederfinden. Es lässt sich wohl weit und breit kein Schriftsteller aufspüren, der sich so einprägsam in den Hirnen und Herzen der Menschen verewigt hat wie dieser bärtige Ernest Hemingway aus Oak Park, Illinois.

Oder Hand auf Herz: Ist ein Thomas Mann-Ähnlichkeits-Wettbewerb in Lübeck vorstellbar? Lächerlich! Ein Angelwettbewerb, der sich nach Goethe nennt? Ein schlechter Witz! Eine Kneipe, die man Annette von Droste-Hülshoff tauft? Hirnverbrannt! Nein, nein, all dies ist unvorstellbar, selbst bei lebhaftester Phantasie nicht von dieser Welt. Doch bei Hemingway ist alles möglich: kurioses, rummeliges, seriöses, literarisches.

Manchmal wird die Verehrung des Autors leicht übertrieben, mag sein, nach dem Kneipenmotto: Auf diese Treppenstufen hat Ernest Hemingway am 7. Juli 1934 gekotzt. Doch dann schlägt das Pendel ein wenig zurück. So ist mir auch schon einmal in einem Bistro das Schild Hier war Hemingway nie gewesen zu Augen gekommen.

Wie dem auch sei, Ernest Hemingway bleibt im Gespräch. Nicht schlecht für einen Mann, der seit fast 50 Jahren tot ist. Denn all das wird getragen von der Zuneigung der Menschen zu diesem amerikanischen Schriftsteller, der wie kein zweiter die Höhen und Tiefen des 20. Jahrhunderts zu Papier brachte. Und der als Autor mitten im Leben stand.

Bitte besuchen Sie zum Thema Ernest Hemingway mein neues Blog Hemingways Welt.

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Teddy Stauffer kann das braune Pack nicht ausstehen

Teddy Stauffer auf der Terrasse seines Apartments im mexikanischen Acapulco, im November 1982;
Photo by W. Stock

Einige Zeit haben die Nazis die Swing-Musiker in Ruhe gelassen. Eine trügerische Ruhe. Denn die Braunhemden haben die synkopierte Musik als entartete Kunst gehasst und bekämpft. Doch Teddy Stauffer war Schweizer und bei ihm hätte man diplomatische Verwicklungen riskiert. Zudem wollten die Nazis vor den Olympischen Spiele 1936 der Welt ein freundliches und sauberes Idyll vorgaukeln.

Teddy Stauffer und seine Original Teddies, damals Deutschlands bekannteste Swing-Band, befinden sich im Berlin der 30er Jahre auf dem Höhepunkt ihres Ruhms. Doch nach 1936 nimmt die Pression zu. Die Nazis verachten die Musik aus Amerika, seit 1935 darf Jazz nicht mehr im deutschen Rundfunk gespielt werden und nun werden auch öffentliche Auftritte schwieriger.

Der 73-Jährige führt mich auf die Veranda seiner Turmvilla in Acapulco, so als müsste er nach frischer Luft schnappen. Im November 1982 bin ich zu Besuch bei Teddy Stauffer in Mexiko, seiner neuen Heimat, und der berühmte Orchesterchef erzählt aus seinem bewegten Leben.

Wir spielten 1938 in Leipzig, im Felsenkeller, wo auf der Bühne und vor der Tanzfläche große Plakate hingen: Swing tanzen und Swingmusik verboten – Reichsmusikkammer. Zwischen zwei Musikstücken kam plötzlich die Gestapo auf die Bühne und stoppte das Konzert. Der Gestapoleiter sagte ganz formell: ‚Man hat reklamiert, dass Sie Swingmusik spielen.‘ Da meinte ich: ‚Ja, was ist denn das, Swingmusik?‘ Er konnte es natürlich nicht erklären.

Über das Gesicht des betagten Mannes huscht ein verschmitztes und zufriedenes Lächeln, während seine Augen zu dem blauen, sanften Meer vor Acapulco schweifen. Dann verdunkelt sich seine Miene und er versucht im nächsten Satz den melodiösen Klang seines Schweizerspanischs mit dem ruppigen Tonfall des Nazideutschs zu überspielen.

‘Spielen Sie keine deutschen Schlager?‘, fragte der Gestapomann hart. Da habe ich zu meinen Musikern gesagt, Nummer 43, das war ‚Bei mir bist Du schön‘. Das hört sich schön deutsch an, ist aber ein hundertprozentig jüdisches Lied. Das haben wir dann gespielt, aber die Gestapo sagte, dies sei immer noch amerikanische Negermusik. Daraufhin spielten wir den ‚Bugle Call Rag‘, aber im Marschrhythmus. In seinem Klarinettensolo hat Ernst Höllerhagen dann über das Horst-Wessel-Lied, die inoffizielle Nazi-Hymne, improvisiert. Das war so der Anfang von meinem Ende in Deutschland.

Der Völkische Beobachter, die Tageszeitung der Nazis, und ein Musikfachblatt griffen Stauffer und die Band dann an und schrieben: Raus mit diesen Ausländern und der Judenmusik. Das Ende der Schweizer Swing-Band in Deutschland war dann abzusehen. Die Teddies spielten auf der Schweizer Landesausstellung, als der Geisteskranke aus der Berliner Reichskanzlei 1939 den Überfall auf Polen befahl.

Der Krieg, vor dem so viele gewarnt haben, ist da. Es wird ein Krieg, an dessen Ende halb Europa in Schutt und Asche liegen wird und Millionen von Müttern, Vätern und Kindern in Konzentrationslagern um ihr Leben gebracht sein werden.

Doch Deutschland befindet sich im Kriegstaumel. Es herrscht Mobilmachung, die deutschen Musiker der Teddies werden eingezogen. Das Orchester zerbricht. Nein, nein, Widerstandskämpfer sei er nicht gewesen, meint Teddy Stauffer, das sei zu viel der Ehre. Er habe einfach dieses braune Pack mit seiner bornierten und freudlosen Auffassung vom Leben nicht ausstehen können.

Und im Jahr 1941 packt Teddy Stauffer dann seinen Koffer, fährt mit einem Dampfer über den Atlantik nach New York, geht nach Hollywood und wird viele Monate später hier in Acapulco stranden. Es wird für Teddy eine Vertreibung ins Paradies.

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Der Sinn des Lebens

gefunden in Wiesbaden, im Mai 2008; Photo by W. Stock

Es ist die Frage aller Fragen. Über diesen Sachverhalt haben sich über die Jahrhunderte hinweg zahlreiche Philosophen den Kopf zerbrochen, und auch ich habe manchmal den einen oder anderen Gedanken daran verschwendet.

Was ist der Sinn des Lebens? Man kann dazu Gedanken bei Sokrates nachlesen, bei Hegel oder auch bei Feuerstein. Was macht den Menschen aus? Worin liegt seine Berufung?

Vielleicht hätte man einmal diesen Friseur in Wiesbaden fragen sollen. Der weiß genau, worauf es im Leben ankommt. Auf seinem Ladenschild ist groß und deutlich die Antwort auf die Existenzfrage des Menschen zu lesen. Das Wichtigste im Leben sind: Sex, Luxus und ein geiler Haarschnitt.

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Frank Sinatra ist erkältet

Frank Sinatra, ein Glas Bourbon Whisky in der einen und eine Zigarette in der anderen Hand, stand in einer dunklen Ecke der Bar, an seiner Seite zwei scharfe, aber langsam verblühende Blondinen, die darauf warteten, dass er etwas sagte. Er sagte aber nichts…

Mit diesen stimmungsvollen Sätzen beginnt die Reportage Frank Sinatra Has a Cold. Dieses Werk ist ein literarisches Kleinod, eines der besten Stücke Journalismus überhaupt. Nicht nur der damaligen Zeit, nein, wahrscheinlich ist dies die gelungenste Reportage aller Zeiten.

Diese grandiose Literatur hat der New Yorker Journalist und Schriftsteller Gay Talese zu Papier gebracht: Frank Sinatra ist erkältet, so der deutsche Titel.

Im April 1966 erschien Taleses buchlange Story im Magazin Esquire. Beim 70-jährigen Bestehen der Monatszeitschrift 2003 wurde sie als die beste Esquire-Geschichte aller Zeiten ausgezeichnet. Und dies zu recht!

Dabei war die Perspektive der Reportage eher aus der Not geboren. Bekanntlich war Sinatra der schreibenden Zunft nicht gerade in inniger Liebe zu getan und auch diesem Projekt verweigerte er die Unterstützung. So lehnte der Sänger ein Interview ab und mochte auch von einer Begegnung mit dem seltsamen Schreiberling nichts wissen.

Doch statt nun aufzugeben, hängte sich Gay Talese drei Monate an den Sinatra-Tross. Er interviewte Friseusen, die Maniküre, den Busfahrer, Musiker, Sinatras Butler, ja, eigentlich jeden, der nicht schnell genug weglaufen konnte. So entstand schließlich ein beeindruckendes Portrait, das um das Objekt schleicht, wie der hungrige Wolf um das scheue Reh.

Gay Talese, Jahrgang 1932, ist der herausragende Vertreter eines Schreibstils, der New Journalism genannt wird. Talese baut in seine Reportage gerne lange Dialogszenen ein, der Journalist – und somit auch der Leser – steht quasi neben Geschehen. Oder besser: er steht mitten drin. Große Ohren, offene Augen, gute Nase – alles selbstverständlich für den Journalismus. Und die jungen und wilden Schreiber des New Journalism haben dieses Prinzip auf die Spitze getrieben.

Talese, der auch viel für die New York Times schrieb, veränderte mit seinen Reportagen die Perspektive des Schreibens: Bei einem Boxkampf portraitierte er nicht den Boxer, sondern den Mann, der den Gong schlug. Solches Vorgehen besitzt System: Unbeachtete Dinge rücken in den Vordergrund. Das literarische Muster lässt sich leicht durchschauen: Pars pro toto. Das Einzelteil steht für das Gesamtbild.

Die Sinatra-Reportage ist eigentlich kein typisches Talese-Stück. Die Glamour-Welt war nicht sein Ding. Viel lieber beobachtet er Aussenseiter, Verlierer, Verzweifelte, Allerweltstypen. Das sei allemal besser als sich Stars und Sternchen zu nähern, die eh nur eine Maske und viel Fassade vor sich her tragen.

Heute gehört Frank Sinatra Has a Cold zur Pflichtlektüre an guten Journalisten-Schulen. Diese Reportage markiert eine Sternstunde des New Journalism und des Journalismus überhaupt.

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Edmund Stoiber, der Architekt des modernen Bayern

Photo by W. Stock

Gut gelaunt, braungebrannt und mit sich selbst im Reinen kommt Edmund Stoiber aus der VIP-Lounge des FC Bayern München. Gerade haben seine Kicker, er ist Vorsitzender des Verwaltungsbeirates im Verein, in einem spannenden Match gewonnen. Mit viel Schwein und Schweini wurde Werder Bremen mit 2 zu 1 aus dem Pokal geworfen. Und Bastian Schweinsteiger aus Kolbermoor hat beide Tore geschossen.

Schade, dass Sie nicht mehr Ministerpräsident sind, sage ich zu ihm. Da sagen Sie was, antwortet er, das ist wirklich schade. Und Edmund Stoiber schaut mich offen und entspannt an. 14 Jahre war Stoiber Ministerpräsident in Bayern. Sie waren der erfolgreichste Ministerpräsident damals, werfe ich ein. Ja, Danke, sagt er. Wer will da widersprechen.

Denn in der Tat ist dieser Doktor Edmund Stoiber der Architekt des modernen Bayern. Eine Modernität, die auch für ihn gilt. Er verfügt über eine informative Homepage.

Sicher, unter Franz Josef Strauß wurden die Grundsteine für den Aufstieg Bayerns gelegt, doch Stoiber war derjenige, der die Bayern AG als Vorstandsvorsitzende in eine hoch prosperierende Phase geführt hat.

Dabei hat Stoiber den Freistaat geführt nach den Regeln des modernen Management: eine hartnäckige Ansiedlungspolitik, kluge Infrastrukturprojekte, eine innovative Clusterpolitik, beharrliche Mittelstandsförderung, Investitionen in Bildung. Edmund Stoiber und sein vorzügliches Team waren der Wirtschaft nahe und haben den Wohlstand gefördert. Während andere Bundesländer sich im Dialog und in der Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Politik arg schwer tun.

Der erzwungene Rücktritt, Stichwort Gabriele Pauli, war schillernd und unwürdig für einen Mann seines Kalibers und seiner Verdienste. Er hatte den Rückhalt verloren, auch und gerade bei den eigenen Leuten. Doch einen solchen Mann abdanken zu lassen, erwies sich als schwerer Fehler.

Die Ernte der Stoiber’schen Politik ist heute in Bayern zu bestaunen: ein hoher Lebensstandard, niedrige Schulden, ein fast ausgeglichener Haushalt und mehr oder weniger Vollbeschäftigung. Das ist sein Verdienst, was immer an Häme von Gegnern und auch von so genannten Parteifreunden gestreut wird. Die Partei, die das schöne Bayern erfand, lästern seine medialen Widersacher über die CSU, aber wie immer am Humor, es ist was Wahres dran.

Ihr Nachfolger ist schwach, sage ich an diesem Dienstagabend zu Edmund Stoiber. Jetzt wird seine heitere Miene ein wenig ernst. Es ist ein Schande, was da passiert. Eine Schande. Und Edmund Stoiber kommt gut in Fahrt. Die Leute wollen klare Kante, entweder dies oder das. Aber nicht dieses Hin- und Her-Gespringe. Ein klares Profil sei gefragt.

Ich nicke und er macht den Eindruck, dass er leidet, an der Orientierungslosigkeit und an dem windschnittigen Populismus der heutigen Politikergeneration. Was soll so aus Bayern werden? Das scheint als Frage im Raum zu stehen.

Zweimal tätschelt er meinen linken Arm und geht zur Rolltreppe. Als ein Mann, der weiß, was er geleistet hat und der als Architekt wohl ein wenig in Sorge scheint um sein Werk.

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Londons bester Swingerclub

Photo by W. Stock

Ronnie Scott’s in Soho. Photo by W. Stock

Sie sind fast alle verschwunden, entweder von der Bildfläche oder in die Bedeutungslosigkeit. Ich meine die Jazzclubs, dort wo sich in den 60er und 70er Jahren des abends die Anhänger der swingenden Musik trafen, bei einem Bier oder zweien, und den Musikern lauschten.

Wohin man auch blickt, traurig genug, die Jazzclubs spielen keine Rolle mehr. Mit einer Ausnahme, möchte man hoffnungsvoll anfügen, Ronnie Scott’s Jazzclub in London. Der zeigt sich fidel wie in alten Tagen.

Zwar ist sein Gründer, der Londoner Tenorsaxophonist Ronnie Scott, vor einigen Jahren gestorben. Doch es geschah dann etwas, was als großer Glücksfall zu bezeichnen ist. Auf den Gründer folgte mit der Theaterunternehmerin Sally Greene eine neue Generation, die den Laden übernahm, eine Person, die sowohl betriebswirtschaftliches Denken als auch musikalischen Sachverstand in sich vereinigt. Und wohl auch die Liebe zum Jazz.

Ronnie Scott’s Club liegt ein bisschen unscheinbar da in der Frith Street Nummer 47. Zwischen all den trendy Vineshops und Restaurants, den kleinen Trödelläden und den camouflierten Massagesalons. Hier zwischen Piccadilly und der Shaftesbury Avenue schlägt das Herz von London. nicht gerade im feinen und eleganten Takt, aber heftig pulsierend und dem Neuen zugeneigt.

Es fällt auf, dass im Club nicht nur kleine Hausgruppen oder der Nachwuchs spielt, sondern veritable Weltstars. Wenn ein Großer nach Europa kommt, dann ist die Chance groß, dass er hier in London in der Frith Street auftritt. Das lässt sich wegen der hohen Kosten allerdings nur amerikanisch darstellen. Die Auftritte des Stars erfolgen über zwei oder gar Auftritte pro Abend verteilt, wobei das Publikum dann immer ausgewechselt wird.

Zur Musik gibt es Essen, Getränke von der langen Bar links neben der kleinen Bühne. Eine Ronnie’s Bar, eine Lounge im Obergeschoss, rundet das Konzept ab. Dazu Merchandising. Nur in einer solchen Mischkalkulation wird man ein solch anspruchsvollen Programm finanziell stemmen können.

Und so geben sich die Stars von Jazz und Pop in Ronnie Scott’s die Klinke in die Hand: Tania Maria, José Feliciano, Nigel Kennedy, Monty Alexander, Manu Dibango – das sind Namen nur der letzten Wochen.

Was mir am neuen Ronnie Scott’s zudem auffällt, ist die Qualität des Marketing. Sonst oft nicht gerade die Stärke der Jazz-Freunde, zeigt sich die Werbung für den Club und die Konzerte auf der Höhe der Zeit. Website, Mitgliederkonzept, Thementage, Events, ein informativer Newsletter – alles vom Feinsten. Und all das, obwohl man mittlerweile über 50 Jahre auf dem Buckel trägt. Solches macht Hoffnung, nicht nur für den Jazz, sondern auch für den Live-Jazz.

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Boxkampf der Bärtigen

I’m not going to get into the ring with Tolstoy.

Ich werde nicht gegen Tolstoi in den Ring steigen.

Ernest Hemingway

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