Reisen & Begegnungen

Autor: Wolfgang Stock Seite 13 von 23

Rafael Alberti, der Dichterfürst geht zum Volke

Ein alter Mann mit wallender schlohweißer Mähne betritt die knapp hergerichtete Bühne des Teatre Grec in Barcelona. Grelle Scheinwerfer strahlen den Vortragenden an. Der sonore Baß des Dichters füllt die beängstigende Atmosphäre der einfallenden Nacht. Die zahlreichen Zuhörer verharren in ehrfürchtiger Stille.

Aire y Canto de la poesia a dos voces – Poetische Melodien und Lieder für zwei Stimmen ist in der antiken Arena der katalanischen Metropole angesagt. Wir schreiben den 10. August im Jahre 1979.

Rafael Alberti, der große alte Mann der spanischen Dichtkunst, und Núria Espert rezitieren ein Jahrhundert spanischer Poesie. Surrealismus, Dadaismus, Agitprop, Groteskgedichte. Es ist die Geschichte Spaniens und gleichzeitig die Geschichte Rafael Albertis.

Nach dem Tod Francos erlebte Spanien eine Renaissance der Poesie, eine Bewegung, an deren Spitze der Andalusier Alberti marschierte. Noch heute erzählt man sich bewundernd, wie er es schaffte, eine Madrider Stierkampfarena mit 40 000 Zuhörern zu füllen. Im Gespräch erinnert Alberti an seine Freunde und beschreibt die Aufbruchstimmung der spanischen Intellektuellen der 20er Jahre. Jene Generation der Dalí, Buñuel, Cernuda, Picasso, die das Gesicht der europäischen Kultur entscheidend bestimmt hat.

Alberti gedenkt seines Freundes und andalusischen Landsmanns García Lorca, der von den Franquisten ermordet wurde. Ein solcher Vortrag, wie wir ihn heute veranstaltet haben, wäre unter der erdrükkenden Zensur des Franquismus nicht möglich gewesen. Man hätte dies sicher verboten. Don Rafael weiß, wovon er redet. Die Hälfte seines achtzigjährigen Lebens hat er im Exil verbringen müssen.

Neben Vicente Aleixandre und Jorge Guillén ist Alberti der letzte Überlebende jener literarischen Generation von 1927. Die um die Jahrhundertwende geborenen Dichter suchten und fanden Anschluß an die literarischen Strömungen des modernen Europa, indem sie sich auf die eigene poetische Tradition eines Luis de Góngora besannen, dessen Todestag sich in jenem magischen Jahr zum dreihundertsten Mal jährte. Das war ein großartiges Jahr, 1927, sagt der Dichter, Stierkämpfer wollte ich werden.

Der 1902 in Puerto de Santa María geborene Rafael Alberti, seinen wenig andalusischen Nachnamen verdankt er den italienischen Großeltern, blieb stets ein Kind seiner Heimat. Die Farbe, das Licht, das Meer der Bucht von Cádiz haben den Rhythmus seiner Poesie immer begleitet. 1925 gelingt ihm ein erster Erfolg, für Marinero en Tierra erhält er den Nationalpreis für Poesie. Die 1.000 Peseten Preisgeld, so erzählt er verschmitzt, brachte er zum Schneider. Ein neuer Anzug, eine feine Krawatte, für den Rest ein paar Flaschen Vino. Ein vergrämter Elfenbeinturm-Poet ist Alberti nie gewesen.

Das Erscheinen seines wohl wichtigsten Werkes Über die Engel schlägt 1929 hohe Wellen. In surrealistischen Anklängen dichtet er seine schwer deutbaren Verse über Angst, Verzweiflung und Einsamkeit. Die toten Engel/sucht, sucht sie:/in der Schlaflosigkeit vergessener Röhren,/in den Leitungen, die vom Schweigen des Unrats verstopft sind./Unweit der Pfützen, die keine Wolke zu nalten vermögen.

1931 der KP beigetreten, beteiligt sich Alberti aktiv an der Verteidigung der jungen Republik. Im Bürgerkrieg 1936 kämpft er im V. Regiment, auch an der Front, und widmet sich daneben der aufmunternden Propagandalyrik. Nach der Machtübernahme Francos flieht er nach Paris, später ins ferne Argentinien. Erst nach vier Jahrzehnten bitteren Exils kann der Poeta en la Calle - der Dichter auf der Straße -, wie er eine seiner Gedichtsammlungen nannte, in seine geliebte Heimat zurückkehren.

Fand er bei seiner Rückkehr ein kulturelles Trümmerfeld vor?, frage ich ihn. Nein. Es gab doch immer Leute, die dem Franquismus tapfer die Stirn geboten hatten. Junge und alte Menschen. Während des Faschismus waren diese Leute natürlich wenig bekannt, weil sie jahrelang mit der Zensur zu kämpfen hatten. Doch schnell nach Francos Ableben löste sich die Situation auf. Alberti selbst kandidierte für seine eurokommunistische Partei um einen Senatssitz seiner Heimatregion Cádiz. Den Wahlkampf führte er mit Gedichten, wie ein Bänkelsänger zog er von Dorf zu Dorf. Strophe an Strophe, Lied für Lied brachte ich es zum Parlamentsabgeordneten. Alberti gewann fast doppelt so viele Stimmen, wie für seinen Parlamentssitz erforderlich gewesen waren.

Als Vicente Aleixandre - und nicht Alberti - 1977 den Nobelpreis für Literatur erhielt, hat man in Spanien - trotz des hohen Respekte für Aleixandres spröde Verse - verwundert den Kopf geschüttelt. Den wichtigsten spanischen Literaturpreis, dem der Nationaldichter Cervantes den Namen gab, hat man Alberti erst 1983 zuteil werden lassen. Ein politischer und poetischer Bruder Leichtfuß wie Alberti ist wohl Literaturjuroren von jeher suspekt.

Die spanische Jugend jedenfalls hat den alten Poeten herzlich in ihre Mitte genommen. Der populäre Ton seiner barocken Kunstpoesie, seine lyrisch liedhaften Verse und das ausgeprägte Rhythmusgefühl beschwören in technischer Meisterschaft auch die geheimnisvolle Enge der Welt der Jungen. Ich wünsche mir, daß man in aller Welt die Schriftsteller hört und versteht, sagt der verhinderte Stierkämpfer Alberti zum Abschied. Er braucht sich nicht zu beklagen. Dieser Poet erhält heute in den Arenen Spaniens kräftigere Ovationen als der beste aller Toreros.

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Der wunderschöne Moon River

Moon River ist die Filmmusik zu einer recht verrückten Hollywood-Komödie. Breakfast at Tiffany’s. Wir schreiben das Jahr 1961. Der große Truman Capote hat das Drehbuch geschrieben und Audrey Hepburn macht ganz große Rehaugen. Ein konfuser George Peppard dackelt der jungen, schlanken Hepburn hinterher. Regie führt Spassvogel Blake Edwards.

Das Lied vom Moon River schrieb il maestro Henri Mancini. Den Italoamerikaner kennt jedes Kind, weil einer seiner Songs ein jeder Dreikäsehoch mitsummen kann. Pink Panther. Die Titelmelodie vom rosaroten Panther.

Die Lyrics stammen von Johnny Mercer. Mancini & Mercer erhalten dafür den Oscar für die beste Filmmusik. Der Song wird eigens für den Film und für Audrey Hepburn geschrieben, die eine gute Schauspielerin ist, allerdings ein kleines Manko vorweist: sie kann nicht singen. Deshalb haben Mancini und Mercer diesen Moon River als eine ziemlich einfache Melodie angelegt mit einem ziemlich eingängigen Text.

In der Tat braucht es für diesen Song nicht viel. Eine schöne Stimme, eine Gitarre vielleicht – und eine Menge Einfühlungsvermögen. Die junge Sängerin Katie Melua macht das in unseren Tagen wunderbar vor.

Auch Frank Sinatra hat den Song gesungen, 1964, im Arrangement von Nelson Riddle im langsamen Walzertakt. Sinatra mag den Song, diese langsame Phrasierung, dieser melancholischen Text von Johnny Mercer, diese zauberhafte Instrumentalisierung mit Gitarre, die dort der einzigartige Laurindo Almeida spielt.

Johnny Mercer hat mit dem Lied seiner Heimat ein Denkmal gesetzt. Der Moon River ist eigentlich der Savannah River der Stadt Savannah in Georgia, des Geburtsortes von Mercer. Der junge Mercer spielte dort mit seinen Freunden auf der Suche nach huckleberries, nach Waldbeeren, und sein my huckleberry friend drückt die Sehnsucht nach der unbeschwerten Kindheit aus.

Two Drifters, off to see the world, zwei rastlose Vagabunden, draußen, um die Welt zu sehen. There’s such a lot of world to see. Diese Melancholie passt gut in jede Zeit, diese musikalische Suche nach sich selbst und nach seinen Wurzeln. Moon River ist sicherlich einer der schönsten Songs des American Songbook, wahrscheinlich einer der schönsten Songs überhaupt.

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Der kölsche Mensch

Es kommt, wie es kommt. Das kölsche Grundgesetz: Sixt-Werbung am Flughafen Köln-Bonn, gefunden im November 2010; Photo by W. Stock

Nicht nur das Bier des Kölners heißt Kölsch nein, als kölsch kann man auch die Lebensphilosophie des Rheinländers bezeichnen. Denn der Kölner wird durch den Rhein geprägt.

Seit Jahrhunderten fließt der Fluß träge in seinem Bett vor sich hin. Wohl auch deshalb ist der Kölner Fatalist. Et kütt wie et kütt. Es kommt, wie es denn nun mal kommt. Dem Schicksal wird nicht groß nach getrauert. Wat fott is, is fott. Was weg ist, ist weg. Klar, so schnell bringt den Kölner nichts aus der Ruhe. Hauptsache, das Kölsch schmeckt.

Einmal im Jahr steigt der Rhein frech über die Ufer. Genauso ist der Kölner. Im Karneval zeigt der Kölner sein anderes Gesicht. Manche sagen, sein wahres Gesicht. Jedenfalls hilft auch hier das Kölsch ein wenig nach.

Der Kölner gibt sich großzügig und tolerant. Jede Jeck is anders. Das sind gleich zwei Botschaften in einem: Das Leben erschließt sich als ziemliche Narretei. Und jeder Narr ist anders. Oder: Jeder kann machen, was er will. Ein bisschen ist er halt Anarchist, der Kölner, aber nur ein bißchen.

Der Kölner hat eine Menge Humor. Sein Humor macht an der Gürtellinie selten halt. Müsste der Kölner sich eine Puppenfigur im Hänneschen-Theater aussuchen, dann ist er ein Tünnes und weniger der Schäl. Also, arglos und gutmütig, so sieht er sich, jedenfalls niemals boshaft oder durchtrieben.

Kennen wir nicht, brauchen wir nicht, weg damit.  Photo by W. Stock

Das Extreme ist ihm zuwider. Der Kölner steht politisch in der Mitte. In der kölschen Mitte. Die ist etwas weiter links als die, sagen wir, bayerische Mitte. Der Kölner macht kräftig auf fortschrittlich, ist aber im Grunde seines Herzens konservativ und will in Ruhe sein Kölsch trinken. Vielleicht ist er aber auch nur zu faul, in die Zukunft zu denken. Kenne mer nit, bruche mer nit, fott domet. Kennen wir nicht, brauchen wir nicht, weg damit. Das gilt für alles Neue, außer Kölsch.

Doch mit der Obrigkeit tut man sich schwer. Nicht nur mit der weltlichen. Der Kölner ist katholisch, zumindest, was er für katholisch hält. Auf den Kölner Dom ist er stolz, geht aber selten rein. Auf seinen Fußballklub 1. FC Köln schimpft er wie ein Rohrspatz, geht aber regelmäßig hin. Der Kölner mag seine erfolglosen Kicker, er ist also leiden gewöhnt.

Der Kölner legt keinen großen Wert auf Äußerlichkeiten. Er will Gemüt. Meist gibt sich der Kölner genügsam, etwas verschlampert, immer gemütlich und will im Grunde nur seine Ruhe haben. Wenn der Kölner zufrieden ist mit sich, dann sagt er zu seiner Stadt Kölle oder ein wenig vornehmer Colonia.

Der Rheinländer hat das Herz auf dem richtigen Fleck. Er mag die Wärme und die emotionale Bande. Zu den seinen und zu seinen Mitmenschen. Der Kölner bleibt immer Kölner, egal, wo er auf der Welt auch lebt. Ob in Amerika, Australien oder auf Mallorca. Ein Pferd, das man in den Kuhstall stellt, bleibt ein Pferd. Ja, der Kölner ist stolz auf seine Heimat.

Nun, ab und an gibt ein Problem. Das mag der Kölner überhaupt nicht. Deshalb wird dann erst mal ein Kölsch getrunken. Ein erster spontaner Versuch, das Problem zu ertränken. Wenn das nicht funktioniert, versuchen wir es am nächsten Tag noch einmal. Der Rheinländer ist gemütlich und wenn er zu gemütlich ist, dann wird er schnell selbstgenügsam.

Der Kölner spricht einen wunderbaren Dialekt. Eigentlich spricht er ihn nicht, sondern er singt ihn. Dieser rheinische Singsang ist eine volkstümliche Lyrik, die der deutschen Sprache ein wenig die Härte nimmt. Übrigens hält der Kölner einen sprachlichen Weltrekord: Das Deutsch des Kölners kennt drei verschiedene Arten ein G in nur einem Wort auszusprechen. Fluchzeuschträjer.

Der Kölner ist laut, nicht wenn er streitet, sondern, wenn er Spass hat. Wenn er streitet, ist der Kölner leise. Der Kölner mag Harmonie und er mag das Leben. Der Kölner isst gerne, aber noch lieber trinkt er. Das Bier darf seinen Namen tragen. Wo gibt es so etwas sonst auf der Welt?

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Bleicher Kinski in alter Post

(c) Werner Herzog Film

Eine Szene wie aus einem alten Gemälde, ein wenig Spätromantik und ein bißchen Biedermeier. Farbenfroh, mit Liebe zum Detail, vielleicht etwas kitschig, aber irgendwie auch mythisch.

Ein Notar sitzt vor dem Schreibtisch, davor eine Frau mit breitem Hut und ein Mann mit gebleichtem Wuschelhaar. Links huscht ein Bürobote durchs Bild. In der Ecke steht eine riesige peruanische Flagge.

Der Blick des Mannes, den Kopf auf seine linke Hand gelehnt, wie auch der Blick des Bildbetrachters wandern hinaus durch die beiden hohen Wandtüren über die Balustrade auf den breiten Fluss. Der Amazonas wirkt als perspektivisches Zentrum des Bildes, er ist die Verlängerung, die Schöpfung, das Göttliche. Die kraftvolle Natur steht in einem romantischen Sinne im Mittelpunkt der Szene. Der Mensch wirkt klein, adornisch, fast wie zerbrechliche Püppchen oder kleine Zinnfiguren.

Doch dies ist kein Werk der spätromantischen Malerei, sondern eine Filmszene aus Fitzcarraldo. Klaus Kinski und Claudia Cardinale beim Notar Bill Rose. Die Handlung spielt in der Amazonasmetropole Iquitos kurz nach der Jahrhundertwende, so um 1910. Kautschukboom in Südamerika.

Gedreht wurde diese Szene, wenn ich mich recht erinnere, in der alten Post von Iquitos. Den Raum erkenne ich wieder, denn ich bin Ende der 70er Jahre, wenn ich in Iquitos weilte, oft in das Postamt gegangen, um postlagernde Briefe abzuholen oder Grüsse in die Heimat zu schicken.

Das alte drei- oder viergeschossige Postamt befand sich direkt an der Uferstrasse, dem Malecón, neben dem ehemaligen Hotel Nacional, wo damals Militär untergebracht war. Ein fin-de-siècle-Haus, wie viele in Iquitos, was an die Cauchero-Zeit erinnert. Pompöser, neureicher Jugendstil unter sengender Tropensonne.

In der alten oficina de correos musste man in das erste Stockwerk hoch, über eine alte wuchtige Treppe, antikes Gemäuer, Tropenhölzer, altes Mobiliar. In den 80er Jahren ist das Postamt dann in ein modernes Gebäude in die Avenida Arica, zwei Strassenblocks vom Amazonas entfernt gezogen.

Der Star bei den Dreharbeiten zu Fitzcarraldo in Iquitos hieß nicht Kinski, sondern Claudia Cardinale. Die damals 42-jährige gibt sich als eine unprätentiöse, kollegiale Schauspielerin. Sie braucht keine Sonderbehandlung, macht kein großes Aufhebens um sich und ihren Ruhm. Ein Typ zum Pferdestehlen, würden die Jungs von nebenan sagen.

Wenn sie abends beim Italiener Don Giovanni, dem Stammlokal der Filmleute in der Calle Putumayo, ihre Pasta bestellt, und da in Jeans und T-Shirt sitzt, schlank, mit den leuchtenden schwarzen Haaren, so ganz ohne Allüren, dann ist sie die Claudia aus Rom. An der Seite stets ihr 24-jähriger Sohn Patrick, der seine Mama um fast zwei Köpfe überragt.

Das alte Postgebäude in Iquitos. Ein wunderschönes Gemälde, das in Wirklich eine Filmszene darstellt. An solch eingefrorenen Bildern mag man erahnen, welch ein Meisterwerk dem Regisseur Werner Herzog 1982 da mit Fitzcarraldo gelungen ist.

Normalerweise steht hier kein werblicher Hinweis. Aber bei einem solch betörenden Werk machen wir die Ausnahme. Den Movie Stills gibt es im Kunsthaus Lumas als Fotografieabzug, nummeriert und signiert. Zu einem, wie ich meine, unexotischen Preis.

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Naht hier das Ende?

gefunden in Westerland/Sylt, im Mai 2008;

gefunden in Westerland/Sylt, im Mai 2008; Photo by W. Stock

An Hausfassaden mag man erhellendes lesen. Eine Jahreszahl hier, ein Werbespruch da. Oder das Haus schmückt sich mit einem Namen. Villa Kennedy, zum Beispiel. Oder Südtiroler Stuben.

Dieses Haus hier auf der Insel Sylt trägt den merkwürdigen Namen Terminus. Latein. Wir haben fertig? Kam mir als erstes in den Sinn. War wohl ein schwieriges Haus.

Sollte man meinen. Das Verb jedoch heißt terminare und das Partizip Perfekt Passiv, Nominativ, im Singular, maskulin wäre eigentlich dann terminatus – fertig!

Anderer Gedanke: Altersheim. Jetzt kommt das Ende. Ende der Reise des Lebens. Kann doch wohl nicht sein! Da es sich um ein Ferienhaus handelt, vielleicht Ende der (Urlaubs-) Reise. Fragen über Fragen.

All dies ist aber nicht gemeint. Denn Terminus als Substantiv bedeutet im Lateinischen auch Grenzstein oder Grenze, so dass dieses Haus wohl seine Grenze zu irgendetwas betont. Vielleicht die Grenze zur Innenstadt.

Übrigens, Terminus ist in der Mythologie auch die Gottheit der Grenzen und Grenzsteine.

Die Mehrzahl von Terminus ist Termini. Der Bahnhof von Rom heißt bekanntlich Roma Termini und er heißt so, weil er der Kopf- oder Endbahnhof der Römer ist.

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Management by Objectives – der humane Unternehmenserfolg

Professor Peter F. Drucker und Wolfgang Stock, Düsseldorf im Juni 1993; Foto: Hasso von Bülow  

Wenn mich eine Managementtheorie mein Berufsleben begleitet hat, dann diese: Management by Objectives. Ich habe dies immer beherzigt, an jeder Arbeitsstelle, bei jedem Projekt, in jeder Teamleistung und zu jeder Zeit. Peter F. Drucker hat dieses Führungsverhalten beschrieben und den Begriff dazu erfunden.

Das Führungscredo des Management by Objectives machte den gebürtigen Wiener Peter Drucker unsterblich. Das war damals, wir sprechen vom Jahre 1954, revolutionär und ist heute Allgemeingut. Führen durch Zielvereinbarungen.

Der Vorgesetzte setzt sich mit Teammitgliedern, Abteilungsleitern und Führungskräften zusammen und es werden kollektive und individuelle Zielvereinbarungen getroffen. Diese können konkret sein, sich in Facts and Figures ausdrücken. Sie können allerdings auch abstrakt formuliert sein. Eine gute, publikumsnahe Zeitung zu machen, beispielsweise.

Der Weg, wie dieses Ziel zu erreichen ist, bleibt dann dem Mitarbeiter überlassen. Er kennt die Materie besser als sein Vorgesetzter, er ist nahe am Kunden, und er vermag wiederum seine eigenen Mitarbeiter bestmöglich einzusetzen. Gemessen wird an der Zielerreichung. Jeder weiß, woran er ist. Jeder weiß, welche Verantwortung er trägt.

Damit Management by Objectives nicht ins Unverbindliche abrutscht, muß die Zielvereinbarung in einen verbindlichen Rahmen gebunden werden. SMART schlägt Peter Drucker vor – Spezifisch, Messbar, Aktiv beeinflussbar, Realistisch, Terminiert. Jede Organisationseinheit und jeder Mitarbeiter weiß, woran er arbeiten muss und was von ihm verlangt wird. Und dazu: Welches strategische Ziel das Gesamtunternehmen verfolgt.

Peter Drucker hat MbO vor über einem halben Jahrhundert als praxistaugliches Rüstzeug entworfen. Wir müssen uns nur in die 1950er Jahre zurück versetzen. Damals regierten in den Unternehmen Befehl und Gehorsam, Betriebe wurden meist wie Militärkompanien geführt oder bestenfalls von einem Patriarchen dominiert. Management by Objectives gewährte nun erstmalig Entfaltungsmöglichkeit und Freiraum für eigene Ideen.

MbO setzt auf den mündigen und findigen Mitarbeiter und ist damit ein Gegenentwurf zum Typ Hallo Chef, Feuer im Betrieb, was soll ich tun? Weil Freiheit und Autonomie dieses Management by Objectives prägen, hat es noch heute seine Gültigkeit. Das mag etwas über die Substanz dieses Theorems aussagen, wenn es sich in der schnelllebigen Wirtschaft über ein halbes Jahrhundert zu halten vermag.

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Der Playboy im Flieger

Vor einiger Zeit ein Flug mit Air Berlin. Beim Einstieg wird auch Magazinlektüre angeboten. Neben der Süddeutschen Zeitung und Die Welt liegt eine bunte Fotozeitschrift, die seit fast 60 Jahren auf den hübschen Namen Playboy hört.

Das Magazin mit den Nackedeis liegt neben all den anderen Zeitungen und Zeitschriften auf einer hüfthohen Ablage, wenn man direkt ins Flugzeug einstieg. Und man kann sich rasch ein Exemplar unter den Arm stecken.

Doch Playboy kann vielleicht ein bisschen heikel werden. Denn es sind ja nicht nur Kinder an Bord, vielleicht mag ja auch dem einen oder anderen Erwachsenen beim Anblick einer spärlich bekleideten Dame der Schreck in die Glieder fahren.

Also müssen die nackten Tatsachen versteckt oder zumindest verdeckt werden. Hier ist guter Rat gefragt.

Die Kollegen vom hoch seriösen Burda Verlag, der den deutschen Playboy seit geraumer Zeit herausgibt, hatten da eine pfiffige Idee. Um den nackten Playboy herum wird für die Airline-Ausgabe ein zusätzlicher, neutraler Schutzumschlag gebunden: Mit einem Foto, aus einem Flugzeug aufgenommen, über der Wolkendecke, aus der zwei runde, spitze Berge ragen.

Innen Playboy, außen wolkig. Herrlich zweideutig, Chapeau, eine wunderbare Idee und eine Zeitschriften-Rarität!

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Rum Hemingway

Photo by W. Stock

An intelligent man is sometimes forced to be drunk to spend time with his fools.
Ab und an ist ein kluger Mann gezwungen, sich zu betrinken, damit er es bei den Dummköpfen aushält.
Ernest Hemingway

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Hunter S. Thompson, unser Bester

Als Jugendlicher habe ich zum ersten Mal eine dieser wilden Reportagen von Hunter S. Thompson gelesen. Wenn ich mich recht entsinne, handelte die Geschichte von Ernest Hemingway und von seinem letzten Wohnort Ketchum in den Bergen Idahos.

Nicht nur das Thema hat mich elektrisiert, sondern auch die Art und Weise, wie dieser junge Autor seine Reportage stilistisch anpackte. Das war mehr als merkwürdig, das war eigenartig und seltsam, das war so ganz anders, als das, was ich bisher von Journalisten gelesen hatte.

Ein Stück von ihm erkannte man nach dem ersten Satz. Stets ignorierte der Mann alle Regeln einer guten Reportage. Mal fing er mit wörtlicher Rede an, mal erzeugte er null Atmosphäre zu Beginn, dann fabulierte er wild drauf los, rotzte seine Meinung zu Papier und zelebrierte mit Leidenschaft seine Wutausbrüche und seine Außenseiterrolle.

Er machte beim Schreiben keinen Hehl aus der Tatsache, dass er nicht nur unter Adrenalin stand, sondern wohl auch unter Alkohol, Acid, Dope und weiß der Teufel was. Er veröffentlichte meist im Rolling Stone, einem Musikmagazin, das das Lebensgefühl einer ganzen Generation ausdrückte.

Hunter S. Thompson und sein Gonzo-Stil waren Woodstock auf der Schreibmaschine, laut, schrill, anti gegen alles, er war ziemlich durchgeknallt. Aber in ihrer subjektiven Radikalität hatten seine Texte etwas, was der ganze Sesselpupser-Journalismus nicht hatte: Nähe und Authentizität.

Die besten Schreiber des romanhaften Erzählens, des New Journalism, kamen aus den USA. Und Hunter S. Thompson, dieser ziemlich irre Typ, war der Star dieser neuen Art zu schreiben. Seine Themen waren aus der Welt dieser neuen Generation, die den Aufstand gegen die alten Werte probte: Er schrieb über die Rockergang der Hell’s Angels, über Las Vegas, über Marlon Brando, über das Kentucky Derby.

Diese Reportage über das Kentucky Derby kommt urkomisch daher. Dabei schreibt Hunter nicht über das eigentliche Rennen, sondern gibt seinen Versuch zum Besten, an Pressekarten zu kommen. Oder er lungert an der Bar herum mit tumben Pferdenarren. Aber durch diese Schilderungen verrät er mehr über das Ereignis, als wenn er das blosse Pferderennen beschreiben würde. Hier zeigt sich: Hunter S. Thompson war wohl der Beste seiner Generation.

In dem Abschiedsbrief an Frau und Sohn, den der Rolling Stone Monate nach seiner Selbsttötung veröffentlichte, schrieb er: No More Games. No More Bombs. No More Walking. No More Fun. No More Swimming. 67. That is 17 years past 50. 17 more than I needed or wanted. Boring. I am always bitchy. No Fun – for anybody. 67. You are getting greedy. Act your old age. Relax – This won’t hurt. Ich bin 67. 17 mehr als 50. Das sind 17 Jahre mehr als ich brauchte und wollte. Das macht keinen Spass – für niemanden. Bleib ruhig, Bursche, es tut nicht weh.

Er schoss. In den Kopf. Am Schreibtisch.

Bei seiner Beerdigung im August 2005 war Hunter S. Thompson wieder ganz der Alte. Er hatte jede Einzelheit der Beisetzung genau geplant und wieder war alles ziemlich schräg: Als Höhepunkt ließ er aus einer riesigen Kanone seine Asche in die Luft von Colorado schießen.

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2much nonsense 4me

gefunden in Wiesbaden, im Mai 2008; Photo by W. Stock

gefunden in Wiesbaden, im Mai 2008; Photo by W. Stock

Natürlich kann man sein Ladenschild auch als hübsches Bilderrätsel aufbauen. Ein solches Rätsel habe ich in Wiesbaden gefunden.

2nice – but not 2nice 4you. So heißt der Laden. Ziemlich schräg. Bedeutet dies: Too nice – but not too nice for you? Das wäre dann so dämlich, dass es weh tut. 2much nonsense 4me.

Ladenschilder sollten so gestaltet sein, dass man sie schnell verstehen kann. Der Laufkunde sollte rasch kapieren, was im Geschäft eigentlich angeboten wird. Wir befinden uns ja nicht auf Schnitzeljagd beim Kindergeburtstag.

Was macht das überhaupt für einen Sinn? So hübsch – aber nicht zu hübsch für Sie? Ist das lustig oder nur ballaballa?

Mir erschließt sich der Sinn nicht, obwohl ich doch Abitur habe. Denn zu Ende gedacht, heißt das ganze: Hier gibt es Mittelmaß und Dutzendware für Sie – not too nice for you.

Das Ganze grenzt ja fast an Kundenbeschimpfung! Dass diese Redewendung im Englischen auch Sie sind es wert heißen kann, werden die wenigsten wissen.

Oh, fast hätte ich es vergessen, eine ganz schüchterne Frage: Was gibt es denn bei 2nice zu kaufen? Ich weiß es bis heute noch nicht.

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