Zunächst ein kleines Geständnis: Früher, so vor zwanzig, dreißig Jahren, da mochte ich diesen Melvin Mel Tormé überhaupt nicht. Ich kannte ihn von Platten, habe ihn auch einmal live gesehen, und war stets so ziemlich unbeeindruckt.
Tormé kam mir, für den Jazz eher ein räudiger Strassenköter denn ein parfümierter Pudel ist, als ein sehr seltsamer Jazzsänger vor. In seinem Smoking, mit seiner Fliege und diesem albernen Einstecktüchlein. Tormé sang mir einfach zu affig, zu affektiert, zu sehr auf Effekt angelegt.
Da lag ich gehörig daneben! Welch ein gewaltiger Irrtum! Erst in den letzten Jahren habe ich wahr genommen, was für ein formidabler Sänger dieser Mel Tormé war. Vielleicht der beste nach Sinatra und Nat King Cole. Der Mann ist einfach Spitze. Tormé verfügt über eine technisch perfekte Intonation und über ein gutes, sicheres Swing-Gefühl.
Großartig ist seine Zusammenarbeit mit dem britisch-amerikanischen Pianisten George Shearing. Da sind zwei, die sich perfekt verstehen und traumwandlerisch harmonieren.
Shearing, mit seinem harschen aber swingenden Anschlag, bringt Tempo und Dynamik in die Performance. Tormé setzt seine Stimme fast wie ein Instrument ein, sagen wir, ein Tenorsaxophon. In der kleinen Combo kommt Mel Tormés Stimme voll zu Geltung, seine Stimmfarbe ist wunderbar, sehr weich, sehr angenehm.
Hören Sie mal diesen Anfang The way you look tonight. Da legt Shearing einfach los und geht ab wie eine Rakete. Da sind zwei, die Spass haben am Musizieren. Hier finden sich zwei Jazzer aus Leidenschaft.
mit Johannes Gross in Köln, den 3. Dezember 1993; Foto by Hasso von Bülow
Johannes Gross, dies sollte man als Autor eigentlich nicht zu laut sagen, ist schreiberisch ein Vorbild. Eigentlich sollte man solch einen Satz schnell wieder vergessen, denn man legt die Latte für Eigenes viel zu hoch. Man kann noch so viel trainieren, man wird die Latte stets reißen.
Der kleine Westerwälder mit der Denkerstirn war ein Mann, der einen unglaublichen sprachlichen Reichtum besaß und einige andere Eigenschaften, auf die man als Journalist stolz sein darf: Er war unabhängig, er hatte keine Furcht vor den Mächtigen, er war hellwach, witzig auf die intelligente Art, er hatte Esprit.
Johannes Gross muß als ein homme de lettres umschrieben werden, er beherrschte die feine politische Ironie ebenso wie den philosophischen Diskurs, er war stilsicher, hochbelesen, und er war – heute würde man sagen – politisch inkorrekt.
Er schrieb Sentenzen mit Biss, hintersinnige Aperçus, Bonmots mit Esprit. Er veröffentlichte seine wöchentlichen Tagebuchnotizen im FAZ-Magazin und jedes Mal waren seine Anmerkungen ein Schmaus für alle Hirnzellen, die das Arbeiten noch nicht aufgegeben hatten. Johannes Gross erreichte eine stilistische Fertigkeit, die in seinen Tagen sonst niemand erreichte. Seine Anmerkungen fielen so herrlich aus dem Zeitgeist heraus, und es war diese störrische Unangepassheit, dieses arrogante Besserwissen, das für Lesefreude sorgte.
Protest ist heute eine der bemerkenswertesten Formen der Anpassung. Das ist so ein überlegener Johannes-Gross-Satz aus seinen Tagebüchern. Touché. Ein Stich im Luftpolster des aufgeplusterten Zeitgeistes. Dampfplauderer, Schablonendenker, Flachwasserschwimmer – all sie bekammen von Johannes Gross ein gepfeffertes Bonmot entgegen geschleudert.
Vielen galt er als eitler Pfau. Vielleicht war er das, aber es war nur der eine Teil von ihm. Das war eher sein Panzer. Arroganz, so hätte er wohl formuliert, ist der Schutz vor dem Mittelmäßigen. Und eigentlich war es ja auch keine Arroganz, es war Überlegenheit.
Der andere Teil von Johannes Gross kam zu vorschein, wenn man sein Interesse geweckt hatte. Dann wurde der öffentlich zelebrierte Zynismus plötzlich abgelöst von intellektueller Neugier. Da zeigte er sich wißbegierig, als ein aufmerksamer Zuhörer, als Anekdotensammler.
Darüber hinaus blieb er in seinen privaten Momenten ein ganz normaler Mensch: Er mochte seine Familie, die gepflegte Konversation, gutes Essen, er trank gerne einen Rotwein, er tanzte, er liebte Frankreich, er wußte das Leben zu genießen.
Im September 1999 ist er in Köln gestorben. Ein solcher Mensch fehlt uns heute. Kein Publizist vermochte in seine Fußstapfen zu treten. Die Fußstapfen sind einfach zu groß. Viel zu groß!
In den letzten Jahren haben Kaffee-Bars weltweit für Aufsehen und Furore gesorgt. Das war nicht mehr Omas Café-Kultur von einst, sondern moderne, intelligente Kaffeehäuser mit breitem Angebot und lockerem Ambiente. Ob nun das jugendliche Starbucks, die San Francisco Coffee Company oder das schnelle McCafé – der Kaffee steht als Synonym für das gesellige Chillen beim Genießen.
Ein Kaffee-Kleinod ist auf Sylt zu entdecken. In der ruhigen Paulstrasse 5b im Westerländer Zentrum findet sich – unscheinbar und unspektakulär – das kleine kaffeelager. So wie um den Tee auf der Insel schon seit Jahrzehnten ein wahrer Kult getrieben wird, so versucht das kleine kaffeelager als Spezialitätenhandlung für Kaffee und Verwandtes den Insulaner und Besucher das schwarze Gold näher zu bringen.
Man kann hier nicht nur Kaffee kaufen, sondern auch in den beiden winzigen Ladenräume an kleinen aber sehr gemütlichen Tischen verweilen. Jeder Kaffee, der hier verkauft wird, kann vor Ort verkostet werden. Fast 50 verschiedene Sorten werden angeboten, aus Afrika, aus Brasilien, Peru, Costa Rica oder aus Indonesien und Sumatra. Für jeden Gaumen ist etwas dabei, jeder Kaffee entfaltet sein eigenes Aroma, in unterschiedlicher Stärke und Würze.
Auf biologischen Anbau wird gesteigerten Wert gelegt, ebenso auf eine gründliche Röstung der Bohnen. Als Ergebnis stehen Kaffee mit wenig Säuregehalt, der Magen dankt es. Auch ethische Aspekte werden berücksichtigt. So gibt es Kaffeebohnen, die nur Landfrauen geerntet haben oder die aus vorbildlichen Kooperativen kommen. Ein Exot ist der Kopi Luwak, der seltene Schleichkatzenkaffee, eine Bohne, die aus des Getier ausgeschiedenen Exkrementen gewonnen wird und als besonders bekömmlich gilt.
Im kleinen kaffeelager kommt ein jeder auf seinen Geschmack. Das Sortiment ist erlesen, die Beratung exzellent, kein 08/15-Verkauf, hier arbeiten Kaffee-Liebhaber für Kaffee-Liebhaber.
Die Empfehlung dieses Schreibers. Als Kaffee in Wintertagen, ayurvedischer Gewürzkaffee in der Pressstempelkanne mit Kardamom, Zimt und Ingwer. Für zwischendurch statt Espresso ein leichter Cortado LecheLeche. Und zur Erfrischung ein Frappé mit Chili und des nachmittags einen Kuchen im Glas.
Nach einem Besuch erkennt man, dieses kleine kaffeelager auf Sylt ist ein kleiner Edelstein für Kaffee-Gourmets. Denn das Leben ist doch zu kurz für schlechten Kaffee.
Gleich hinter Rantum sollte man rechts Richtung Strand abbiegen, sein Auto auf dem großen Parkplatz stehen lassen und dann noch die wenigen Meter über die Düne wandern. Dann gelangt man zur schönsten Strandbude Deutschlands. Die schwarze Piratenflagge weht unter azurblauen Himmel.
Strandbude, Restaurant, Bar, Bistro. Alles richtig, aber zur gleichen Zeit auch irgendwie falsch. Denn die Sansibar ist keine Hütte aus Holz und Glas, die Sansibar scheint mir eher eine Philosophie des Lebens.
Herbert Seckler hat das Blockhaus mit den gekreuzten Schwertern in über 30 Jahren zu einem In-Treff der Reichen und Schönen, und allen die es sein wollen, gemacht. In Heerscharen pilgern die Sylt-Urlauber zur Sansibar. Abends geht ohne Reservierung gar nichts, an Spitzentagen muss die Crew über 3.000 Gerichte servieren.
Vielleicht liegt auch in der Abgeschiedenheit ein Erfolgsgeheimnis dieser Strandbude. Kein anderes Haus und auch kein Hotel in der Nähe, nur einen Katzensprung zum Meer, der steife Wind pfeift einem um die Ohren und das jodhaltige Reizklima macht einen eh schon halb meschugge.
Da kann ein guter Wein nicht schaden. Auf seine Weine und seinen Wein-Circle ist Herbert Seckler besonders besonders stolz. So bekommt der Sansibar-Addictus jeden Monat eine erlesene Flasche in sein tristes Haus geschickt. Und so kommt die Weinkarte der Sansibar dick wie ein Taschenbuch auf den Tisch des Gastes.
Besonders bleibt das kulinarische Angebot zu loben. Das Tagesgericht, üppig und mit ungewohnten Zutaten raffiniert, zeigt die hohe Klasse der Sansibar. Gerühmt wird auch die Curry Wurst des Hauses, für schlappe 11 Euro sicherlich ein Gourmet-Würstchen.
Die junge Bedienung zeigt sich freundlich und serviceorientiert, ein jeder wird geduzt, der Ton zwischen Kellner und Gästen ist offen und angenehm, was in diesen Breiten nicht selbstverständlich ist, in der Sansibar wird eine unprätentiöse Gastfreundschaft auf hohem Niveau gepflegt.
Ein Gang auf die Toilette, übrigens, bleibt empfohlen. Denn dort hängt Kunst, und zwar ziemlich erotische, vom Allerfeinsten. An den originalen Zeichnungen, die überall in der Sansibar hängen, bleibt zu erkennen, dass die Piratenbude auch bei der Kunst ihre Anhänger findet.
Herbert Seckler, ein guter Gastronom auch mit Händchen für’s Marketing, hat die Sansibar zu einem Markenprodukt entwickelt. Die Line-Extensions lassen einen Staunen: Mittlerweile gibt es Sansibar-Strandkörbe, Sansibar-Schuhe, Sansibar-Taschen, Sansibar-Uhren, Sansibar-Grappa, Caps und T-Shirts sowieso. Und so zeugt der Erfolg wiederum neuen Erfolg.
Einen solchen Ort wie in den Rantumer Dünen braucht es, um gestresste Manager, aufmüpfige Pantoffelhelden und blassierte Großstädter zu entkrampfen. Denn die Sansibar ist Ort zum Nachdenken, zum Träumen und zum Sich-Finden. Die Welt wäre ärmer ohne solche Orte, und der Mensch wäre es wohl auch.
mit Mick Jagger im Amazonas; Iquitos, im Januar 1981; Foto by René Pinedo/Archiv Dr. Stock
Er setzt seinen einfachen Strohhut auf, schlendert durch die Menge und durchstreift die schwüle Welt des Amazonas. Er fällt nicht weiter auf, hier in der Amazonasstadt Iquitos. Mit seinem karierten Hemd, der grauen Hose. Eigentlich bewegt er sich wie du und ich. Er ist zu Dreharbeiten hier nach Peru gekommen, zu dem Film Fitzcarraldo, in dem er eine Nebenrolle spielt.
So war es bei Mick Jagger immer, die Musik ist seine grosse Passion, der Film seine kleine. Und Fitzcarraldo im Dschungel, auch das ist so ganz nach seinem Geschmack. Nun ja, 1981 hat gerade sonnig begonnen, und in diesen Jahren wird noch nicht soviel Aufhebens gemacht um Stars und Superstars wie heutzutage. Keine Leibwächter, keine Absperrung, keine Akkreditierung.
Der Musiker kann sich frei bewegen wie es ihm beliebt, er wird nicht angesprochen, nicht behelligt, keiner geht ihm auf die Nerven. Die Stadt ist eh voll von Filmprominenz. Jason Robards aus Hollywood, Claudia Cardinale aus Italien, Mario Adorf aus Deutschland. Und Werner Herzog, der Regisseur. Abends kann man sie in der Pizzeria am Malecón treffen.
Mick wohnt im Holiday Inn, dem feinsten Haus am Platze, etwas außerhalb der Stadt. Das Holiday Inn verfügt über einen hübschen Swimmingpool, was bei Temperaturen um die 40 Grad ein Genuß ist. Dort sieht man dann den Boss der besten Band der Welt sich auf der Pool-Liege sonnen, die Freundin Jerry Hall daneben. Und zwischendrin huscht er auf’s Zimmer und werkelt an neuen Songs der neuen Platte. The Rolling Stones Tattoo You soll sie heißen.
Da keiner Mick kennt, kann man auf ihn zugehen, ihn ganz einfach begleiten. Mick Jagger ist hier in den fernen Tropen so ganz anders als auf der Bühne, wo er als Vulkan an Extrovertiertheit auftritt. Hier zeigt er sich von einer ruhigen, unauffälligen Seite, ja, bisweilen mag man ihn schüchtern nennen. Ein Rolling Stone in Perus grüner Hölle, die in Wahrheit ein Paradies ist. Man reibt sich die Augen.
Schön auch, dass ich mehr oder weniger der einzige Journalist vor Ort bin. Da ist nur noch Tomás d’Ornellas von der Tageszeitung Expreso aus Lima. Und auch der Fotograf René Pinedo, der Jahre später unter tragischen Umständen ums Leben kommen sollte, als er auf der Landstrasse von einem LKW erfasst werden sollte und er tagelang im Leichenhaus lag und niemand um seine Identität wusste. Ich bitte René Pinedo, einige Fotos von Mick und mir zu schießen, die ich dann Tage später bei ihm in der Redaktion in Lima abhole.
Mick Jagger im Dschungel und dieser Schreiber auch. Das glaubt zu Hause doch keiner, Seemannsgarn aus dem Urwald, eine nette Flunkerei. Nein, nein, es ist die Wahrheit, nichts als die Wahrheit. Für den jungen Journalisten ist die Begegnung in den Tropen ein Scoop, seine Berichte über Jagger in the Jungle werden in mehr als einem Dutzend Länder veröffentlicht.
Heute ist Sonntag und wir stehen am prächtigen Malecón, der steil abgehenden Uferböschung zum Amazonas, und schauen den Dreharbeiten zu. Mick fotografiert alles mit seiner schwarzen 8mm-Kamera. Und René Pinedo fotografiert Mick und – Mich.
Bart Howard hatte Fly me to the Moon 1954 komponiert und getextet. Zahlreiche Interpreten haben den Song aufgenommen. Johnny Mathis, Ella Fitzgerald, Mel Tormé, Sarah Vaughan, Tony Bennett. Alles nett bis obernett. Jedoch kommen sie alle an die Version Frank Sinatras nicht heran, weil er wie kein anderer dieses perfekte, swingende Taktgefühl besitzt.
Ein Erfolgsgeheimnis Sinatras war, dass er sich immer mit den allerbesten seines Faches umgeben hat, musikalisch zumindest. Mit den besten Solisten, den besten Arrangeuren, den besten Orchestern. Da er schon früh Erfolg errang, besaß er auch das nötige Kleingeld immer Spitzenleute zu verpflichten. Und sobald Sinatra die Basie Big Band im Nacken spürte, dann lief er zur Hochform auf. Frankieboy vermochte bei Count Basie seine retardierende Phrasierungen einzubauen, die einen ungewöhnlichen Kontrast zur explosiven Dynamik der Basie-Musiker bildeten.
Sinatra hatte den Song erstmals 1964 für das Album It Might as Well Be Swing aufgenommen. Zwei Jahre später singt er das Lied meisterhaft bei seinem Live-Auftritt im Sands von Las Vegas. Oder er tritt, wie im Youtube-Video zu sehen, auch mal vor ziemlich schweren Jungs auf.
Bei Sinatras Fly me to the Moon schrieb das Arrangement, das darf nicht vergessen werden, der geniale Quincy Jones. Der rhythmische Spannungsbogen, eine lockere Melodie, die knallenden Blechbläser, Quincy Jones hat alles perfekt zusammengeführt.
Fly me to the moon
Let me play among the stars
Let me see what spring is like
On Jupiter and Mars
Am 20. Juli 1969 wird der Song endgültig unsterblich. Neil Armstrong und Edwin Buzz Aldrin stehen als erste Menschen auf der Mondoberfläche, Michael Collins bleibt an Bord der Apollo 11. Buzz Aldrin spielt auf einem Kassettenrekorder die Sinatra/Basie-Version von Fly me to the Moon.
Es ist das erste Lied, das je im Orbit zu hören ist. Ein Traum der Menschheit ist Wirklichkeit geworden. Der Mann im Mond ist angekommen. Fly me to the Moon. Und Frank Sinatra schickt seine besten Grüsse aus dem Weltall auf die Erde.
La Bahia de Puerto Marqués, zwanzig Minuten südlich von Acapulco gelegen, ist nicht so hektisch und auch nicht so laut wie Acapulco. Hier zeigt sich der Strand auch nicht mit Hotels oder Hochhäusern zubetoniert, vielmehr genießt der Besucher, umgeben von einfachen Holzhütten, die freie Sicht auf die blaue Bucht.
Die Wirte der kleinen Restaurants bieten auf offenem Grill frische mariscos an, Meeresgetier, und ein kühles Corona-Bier. Besonders das Ceviche mundet, ein marinierter Fischsalat, der mit Limonensaft abgeschmeckt wird.
In Puerto Marqués, nicht durch hohe Palmen oder Bauten geschützt, brennt die Sonne stärker und intensiver als in der Stadt. Das Thermometer steigt schnell auf 40 Grad im Schatten, aber viel Schatten findet sich hier nicht.
Die Hitze des Tages droht einen förmlich umzuwerfen. Man schlafft ab, der Schweiß tritt aus und es scheint so, als ob das alte Leben wie in einem Saunarium den Körper hinunter gerinnt.
Diese Schwüle löst darüber hinaus einen erotisierenden Reflex aus mit einer spürbaren Allgewalt auf alle Körperlichkeit. Man wird schnell übermütig und draufgängerisch unter Mexikos Sonne.
Hier erwacht auch das Verlangen, den eigenen Körper zu spüren. Plötzlich zeigen Amerikaner, Europäer und andere Bleichgesichter jene elementare Lust, in Shorts zu schlüpfen, sich ein einfaches T-Shirt überzuziehen und den feinkörnigen, weißen Sand des Strandes an den nackten Füßen zu spüren. Es sind jene, die man in früheren Tagen beachcomber nannte, Menschen, die froh sind endlich ohne Schlips und Kragen ins richtige Leben springen zu dürfen.
Schlagartig erblickt so mancher im Geist Getrübter, der eigentlich nur der Kälte und der Beengtheit seiner Heimat weglaufen wollte, hier in Puerto Marqués diesen unglaublich blauen und erhabenen Himmel. Spätestens jetzt siegt die Bereitschaft, sich dem Leichtsinn dieses Fleckchens am Pazifik hinzugeben.
Günter Wallraff, Wolfgang Stock; Bergisches Land, den 5. Juni 1979
Unter konspirativen Umständen, man kann es nicht anders sagen, kam ich zu Günter Wallraff. Denn Wallraff musste für ein paar Wochen von der Bildfläche verschwinden.
Ich traf Günter Wallraff im Sommer 1979. Er hatte über drei Monate unerkannt in der BILD-Lokalredaktion in Hannover gearbeitet und enthüllt, mit welchen Methoden Deutschlands führende Zeitung zu arbeiten pflegt. Sein Buch Der Aufmacher – Der Mann, der bei ‘Bild’ Hans Esser war erklomm rasch die Bestsellerlisten und wurde heftig diskutiert.
Neben reichlich Lob und Bewunderung über diesen Scoop hagelte es Widerspruch, Klagen, Drohungen und Wallraff zog sich für einige Tage in das Haus eines Freundes zurück, weit ab der Großstadt und der medialen Aufmerksamkeit.
Seine Assistentin lotste uns per Telefon wie in einem Krininalfilm zu seinem geheimen Refugium. “Fahren Sie nach Bergisch-Gladbach, dann Richtung Kleinkleckersdorf, auf halbem Weg sehen Sie eine hohe Eiche, biegen Sie dort in den Waldweg…” Und so weiter, und so fort. Man kam sich vor, wie in einem Thriller von John le Carré. Wir waren, zumindest für einen Tag, Teil des System Günter Wallraff geworden.
In dem Sommerhaus im Bergischen empfing uns Wallraff freundlich, neugierig und doch stets auf der Hut. Er war eigentlich immer auf der Lauer, und manchmal wusste man nicht so recht, ob man nun Günter Wallraff oder doch Hans Esser vor sich hatte.
Ich mag Wallraffs subjektive Annäherung an das Schreiben. Das hat eine lange Tradition, denn schon Upton Sinclair hatte 1905 mit The Jungle einen inkognito recherchierten Roman veröffentlicht, der die Zustände in den Schlachthäusern von Chicago anprangerte. Muckraker, nennen die Amerikaner diese Form des Journalismus verächtlich, Schmutzwühler, Nestbeschmutzer. Bisweilen hört es sich wie eine Auszeichnung an.
Und Muckraker Wallraff enthüllte Mißstände wie kein anderer: Er war der Türke Ali bei Thyssen und – mein Liebling – er deckte Putschpläne und Waffenschiebereien des sinistren früheren portugiesischen Staatspräsidenten General António de Spinola auf. Manchmal vernahm man eine übermütige Spöttelei in seiner Recherche. Beispielsweise, wenn er sich bei Gerling auf den Chefschreibtisch breit machte.
In der schwedischen Sprache hat sich der Begriff wallraffa eingebürgert, das Verb bezeichnet einen verdeckten Recherchestil. Wallraff hat den Journalismus um eine Dimension bereichert. Überraschend angreifen, unerkannt beobachten, ganz nah rangehen. Das ist zwangsläufig höchst subjektiv und nicht mehr objektiv. So what? Das ist jedenfalls aufregender und spannender als das meiste Zeug, das die Sesselpupser so schreiben.
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